deʒaˈvyː

Ich habe in dieser Nacht etwa genauso viel geschlafen, wie in jener vor zehn Jahren.

Seit sich gestern Abend das damalige Bild wie ein Schleier über mich gelegt hat, ist sie wieder da. Die entwaffnende Trauer. Dieses Bild aus der Vogelperspektive, wie ich in seiner letzten Nacht in seinem Krankenzimmer liege, weil ich ahne, dass die Zeit uns durch die Finger rinnt. Seine Seele hatte alle Sachen gepackt und war bereit zum Reiseantritt. Dieses monotone Piepen der Maschinen, die die Lebenszeichen überwachen sollten. Das Schweigen der Maschinen, als der letzte tiefe Atemzug getan war. Die LED-Kerze zum Gedenken, weil echtes Feuer an solchen Orten natürlich verboten ist. Es könnte ohnehin nicht so brennen, wie diese allumfassende Leere, die an die Stelle von Leben trat.

Zehn Jahre.

Diese Erkenntnis traf mich gestern wieder wie ein unerwartet heftiger Schlag in den Solarplexus. Raubte mir den Atem und presste mir die Tränen in die Augen. Ich lag wach damals, genau wie gestern Abend. Starrte an die Decke, genau wie gestern Abend. Es ist eine alte Geschichte mit überraschend frischen Bildern, die einfach nie verblassen. Narben, die immer wieder schmerzen wie bei einem Wetterumschwung.

Die letzte Nacht Seite an Seite mit einer Seele, die sich im Aufbruch befindet. Man vergisst es nicht. Man lebt damit. Es wird leichter. Man lacht. Man gewöhnt sich. Aber man vergisst nie.

So ist es mit der Trauer. Ein wenig wie ein ewiger Boxkampf. Frisch mit ihr im Ring bekommst du noch ordentlich dein Fett weg. Weil sich Trauer nicht an Regeln hält. Sie ist nicht fair. Sie respektiert dich nicht. Sie lässt Schläge auf dich hageln. Aber sie ist dein bester Lehrer. Mit der Zeit lernst du sie kennen. Lernst sie einzuschätzen. Kannst ihre Schritte voraus ahnen – meistens zumindest. Und dann kommt doch wieder einer dieser unerwarteten Tiefschläge. Leberhaken deluxe.

Das sind diese wenigen ersten Male, die es noch immer gibt. Denn sie dünnen aus über die Jahre. Die vielen ersten Male ohne diesen Menschen – der erste Ohne-Geburtstag oder das erste Ohne-Weihnachten – werden durch zweite, dritte und x-ste Male überlagert. Aber diese fiesen Leberhaken – wenn sich der Todestag zum ersten Mal zweistellig jährt, oder die Ohne-Hochzeit – nach denen hängt man wieder in den Seilen. Sei man auch noch so ein trainierter Boxer. Dann ist man wieder nackt. Nur geschützt durch Papyrushaut. Verletzlich. Blank. Barbusig. Unschuldig. Und in genau diesen Augenblicken lernen wir uns selbst wieder mehr kennen. Heilen ein Stück. Wachsen.

Ist es nicht verrückt, dass wir uns manchmal morgens nicht einmal erinnern, wie wir zur Arbeit gekommen sind, aber ein Jahrzehnt zurückliegende Momente vor uns sehen, als hätte sie uns jemand vor das Innere Auge projiziert? Ein Lied, ein Geruch, ein Ort, ein Foto – und man ist wieder mittendrin. Eine Zeitreise der ganz eigenen Art. Still, schmerzhaft und gleichzeitig taub. Phantomschmerz. Es wird diese leere Stelle immer geben, neben, in und mit mir. Manchmal steht sie zwischen mir und der Welt für einen Moment. Damit habe ich zu leben gelernt. Damit lernen wir alle irgendwie zu leben.

Zehn Jahre. Unfassbar. Zehn Jahre, in denen er überall war, nur eben nicht hier. Seitdem gab es Hunderte Millionen Tode. Aber dieser ist eben einer meiner ganz persönlichen Verluste. Immer wieder stolpere ich auch über diesen Ausdruck: Menschen verlieren. Als wären wir unvorsichtig gewesen. Vielleicht ist mir lieber: ich habe ihn nur aus den Augen verloren.

Heute Nacht ziehe ich mir die Himmelsdecke über den Kopf. Und morgen geht die Sonne wieder auf. Das hat mir George Harrison heute am Frühstückstisch versprochen, als er über meine Tränen hinweg sang:

Little darling, it’s been a long cold lonely winter
Little darling, it seems like years since it’s been here

Little darling, the smiles returning to the faces
Little darling, it feels like years since it’s been here

Little darling, I feel that ice is slowly melting
Little darling, it seems like years since it’s been clear

Here comes the sun
And I say it’s all right

Foto: Anja Feßer / near the pines

Ein Gedanke zu “deʒaˈvyː

  1. nebelkammer sagt:

    Das berührt mich zutiefst im eigentlichen Sinn, es berührt etwas tief ein meinem Innern. Es macht mich still, weil alles gesagt ist. Ich habe meine persönliche Ausdrucksweise erst nach langer Zeit gefunden: einen Menschen verlieren heißt, einen Menschen vermissen müssen…

    Gefällt 1 Person

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