Fremde, die sich gut kennen

„Was ist eigentlich der Volkstrauertag?“ Eine berechtigte Frage eines Kindes, das den Begriff im Kalender entdeckt. Volkstrauertag, Allerseelen, Totensonntag, Ewigkeitssonntag – sie alle legen den Fokus auf den Tod. Und sie sind stille Feiertage. Und Stille ist es auch, die im alltäglichen Leben eng damit verknüpft ist.

Leben und Sterben.

Die Menschen reden immer davon, als seien es Gegensätze. Antonyme.

Aber Leben und Sterben sind keine Gegensätze. Leben und Tod sind es. Das Sterben verbindet diese beiden. Das Sterben ist Teil des Lebens. Der eine Dominostein, der die Distanz zwischen den wahren Gegensätzen überbrückt. Wenn das Leben fällt, stößt das Sterben den Tod an und dieser das Leben. In stetem Zyklus sterben unsere Zellen ab und erneuern sich.

Immer hatte ich mir gewünscht, die Thematik würde wieder mehr in unsere Mitte rücken. Dass wir sie einladen in unser warmes Haus. Uns gemeinsam aufs Sofa setzen, das an den Stellen schon abgewetzt ist, an denen wir üblicherweise sitzen. Und wo eben jetzt ein Platz frei bleibt.

Dass wir unsere Hände um eine warme Tasse Tee legen, den Dampf sanft weg pusten und dann sagen: „Es tut mir leid, dass wir so lang nicht miteinander geredet haben. Dass wir nur zwei Fremde waren, die sich sehr gut kennen.“ Dann würden wir ein wenig plaudern und ja, ganz sicher auch lachen. Denn was bleibt von einem Leben, wenn die Existenz der Person endet? Die Tiefen, aber auch die Höhen.

Und was bleibt dem Bleibenden? Wachstum. Die Fähigkeit, aus Schicksalsschlägen gestärkt hervor zu gehen, ist weiter verbreitet, als wir glauben. Richard G. Tedeschi – Professor für Psychologie, der den Begriff des Posttraumatischen Wachstums prägte, schätzt, das gute 90 Prozent mindestens in einem Punkt der Folgenden profitieren:

Intensivierung der Wertschätzung des Lebens, der persönlichen Beziehungen oder des spirituellen Bewusstseins, der Bewusstwerdung der eigenen Stärken oder der Entdeckung von neuen Möglichkeiten im Leben.

Nach Ansicht des Forschers sind Einsicht und Akzeptanz verschiedener Punkte dafür aber wichtig:

  1. die Unsicherheit des Lebens
  2. die Existenz der eigenen Emotionen
  3. die Verantwortung für das eigene Leben
  4. die Möglichkeit Chancen zu ergreifen

Es ist fast schon absurd, dass wir den Tod als Unterhaltung á la Hollywood dulden, ihn aber als alltäglichen Bestandteil des Lebens aussperren. Gemäß Epikur: „Der Tod […] geht uns nichts an, denn solange wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr“. Nur betrifft uns nicht nur der eigene Tod, sondern im Erleben vor allem der unserer Mitmenschen – Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und Bekannten. Wenn wir uns nicht mit der eigenen Sterblichkeit und der anderer auseinandersetzen, wird immer die Angst dieses Thema bestimmen. Denn dann bleibt es fremd – und die Urangst vor dem, was wir nicht kennen, ist tief verwurzelt.

Dazu gehört auch, Trauenden nicht das Gefühl zu geben, sie müssen irgendwann „fertig werden“ mit traurig sein, nur weil uns die Konfrontation damit unangenehm ist. Durch diesen Druck verstärkt man das Stigmata und kappt Menschen von sozialer Interaktion ab. Das Gefühl jedoch, immer wieder auch über den Verlust sprechen zu können, mündet irgendwann vielleicht auch in Leichtigkeit und Unbefangenheit.

Der Tod ist die sicherste und größte Deadline in unserem Leben. Sperren wir ihn also nicht aus, sondern bieten ihm einen Platz in unserer Mitte an. Bei einer Tasse Tee. Und mit einem Lächeln.

7 Gedanken zu “Fremde, die sich gut kennen

  1. Michael sagt:

    Irgendwann mündet alles in Unbefangenheit und Leichtigkeit… das ist die Hoffnung, die ich dem Altwerden gegenüber hege. Die Angst vor dem eigenen Tod vergeht, die Angst vor dem Tod der Anderen und die vor dem Sterben bleibt: ich will niemanden verlieren, niemanden leiden sehen, selbst nicht leiden… Alles geschieht aus Angst vor Schmerz, der Tod ist die Erlösung und mit ihm werden sie kommen: die Unbefangenheit und die Leichtigkeit.

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  2. Stattstadtmädchen sagt:

    Vielen Dank für deine Sicht der Dinge, lieber Michael. Ja, das ist wahr. Wir haben Angst vor Verlust und vor dem Leiden – beides verbinden wir mit Sterben und Tod. Als jemand, der schon mehrere nahe stehende Menschen in den Tod begleitet hat – oder an dessen Schwelle, weiß ich um das Gefühl. Und genau deshalb wünsche ich mir ein Gegengewicht im Alltag: Akzeptanz und offene Kommunikation dazu. Vielleicht würde es das ein wenig erträglicher machen, wenn es nicht tabuisiert wird.

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  3. Michael sagt:

    Wir alle werden geboren, leben und sterben. Wer kann sagen, was davon das Erträglichste ist? Es ist einfach nur so, dass es eben so ist. Wir reden über die Geburt, wir reden über das Leben: dann können wir auch über das Sterben reden. Für alle drei gilt das gleiche: Nimm es hin.

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