Sollbrüche

Der Herbst. Für mich geht er immer mit einer belebenden Schwermut einher.

Denn für mich ist die Zeit der fallenden Blätter für immer auch ein Symbol für das fallende Leben meines Vaters. Soviel Schwere und soviel Schönheit liegen darin.

In vollem Bewusstsein auf ein Ende zuzugehen, macht etwas mit einem. Die Hoffnung gibt man bis zum Schluss nicht auf. Sie legt sich über die wenigen Momente der Verzweiflung in dieser Phase. Denn zu diesem Zeitpunkt erlaubt man sich nur wenig Zusammenbrüche.
Es ist eine seltsame Schwebe zwischen vollem Bewusstsein und Betäubung. Als wäre alles auf diese Interaktion, diese Beziehung, dieses Konstrukt scharf gestellt, während man selbst trotzdem nicht Teil des Motivs zu sein scheint, sondern durch eine Linse darauf blickt. Es ist schwer zu beschreiben, wenn man es noch nicht erlebt hat. Es entsteht ein ganz eigener Rhythmus, ein ganz eigenes Sonnensystem, alles kreist um dieses fallende Leben. Aber es fühlt sich richtig an, als sollte es genau so sein. Als wäre alles an seinem Ort und nichts außerhalb dieses Universums sei wichtig.

Und wenn dann alle Blätter gefallen sind und der Winter Einzug gehalten hat, dann funktioniert diese Abfolge noch ein wenig, hält einen noch für seltsam magische Momente in der Anziehung.

Und dann fliegt man aus der Kurve.

Und doch, ich liebe den Herbst. Weil er so oft noch mit einer unwirklich kräftigen Sonne überrascht, obwohl im nächsten Schatten schon die durchdringende Kälte wartet.

So ist es wohl mit endenden Leben, die man sehenden Auges begleitet. Man rettet sich von Sonnenfleck zu Sonnenfleck, als wollte man die letzten Strahlen noch einfangen und speichern.

Im Herbst 2010 habe ich für eine Weile an der Schönheit der Sprache gezweifelt. Zu viele medizinische Fachbegriffe gehörten damals zu meinem Wortschatz. Über deren Verwendung hatte die Sprache für mich jede Zartheit verloren. Meine Emotionen verstummten, trieben dafür Blüten in anderen Sinnen. Noch heute weiß ich, wie der Kakao in der Klinik schmeckte, den wir gemeinsam in der Cafeteria tranken, bis du es irgendwann nicht mehr zur Cafeteria geschafft hast und der Kakao zu dir kam. Ich erinnere mich an jedes Lied, das ich damals gehört habe. All die gesehenen Bilder sind noch immer gestochen scharf abgelegt. Die von den Schachspielen – die ich stets verlor. Die von deinem Lächeln, das immer so krachend klug war – bis es sich in ein höfliches Lächeln von jemandem verwandelte, der zwar noch seine Ärztin erkannte, aber nicht mehr seine Tochter. Meine Hände fühlen noch immer die deinen, die noch eine Weile warm waren nach deinem letzten Atemzug. Als hätten sie die letzten Sonnenstrahlen des Herbstes gespeichert und in den Winter gerettet.

All diese Sinneserinnerungen haben einen direkten Draht zu den Brüchen in meinem Herzen und füllen sie neu aus. Sie rufen mir immer wieder ins Gedächtnis, dass Brüche manchmal sein müssen. Dass sie zum Leben gehören. Liebe bricht Herzen. Man bricht mit Menschen. Mit Überzeugungen. Diese Assoziationen erinnern mich daran, dass es ok ist, Narben zu haben. Weil es normal ist.

Im Herbst 2010 dachte ich, ich könnte nie mehr auch nur einen sanften, warmen, verletzlich-beschützenden Satz zu Papier bringen. Und nun haben sich all diese Worte entblättert, liegen nackt vor mir und lassen sich bereitwillig in eine Reimform bringen.

Dieser Herbst, 10 Jahre später, ist kein Fallen, sondern ein Aufblühen. Für mich der Beweis, dass manches nachwächst. Dass es ok ist, zu fallen, ein wenig liegen zu bleiben und wieder aufzustehen. Sich zu verändern und zu verändern und zu verändern und immer an einem neuen Ziel anzukommen.

Paps, ich weiß du siehst das. Vielleicht hab auch nicht ich die Gedichte geschrieben. Vielleicht warst du es durch das, was mir unsere Erfahrung geschenkt hat.

Ich freu mich auf mein Buch. Mein erstes. Gezeugt im Herbst 2010. Geboren im Herbst 2020. Es wird Sollbrüche heißen.

Und da du es mir nicht sagen kannst, sage ich es: ich bin stolz auf mich.

14 Gedanken zu “Sollbrüche

    1. Stattstadtmädchen sagt:

      Kenne ich. Und schätze sie für ihre Kunst. Sie ist eine grandiose Autorin, deren Texte ich unglaublich gern lese – und fühle. Dennoch steht jeder Autor immer für sich und orientiert sich an seinem eigenen kreativen Output. Emma denkt ist einmalig und soll es auch bleiben. So wie jeder Künstler 😊🙏

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    1. Stattstadtmädchen sagt:

      Ich möchte dazu aus einem von Michéles letzten Texten grob wieder geben: Jeder Mensch sagt, denkt, fühlt und macht genau das, was er genau jetzt sagen, denken, fühlen und machen kann. Nicht mehr und nicht weniger. Ebenso gut könntest du den Baum im Winter fragen: warum blühst du nicht.

      Wäre ich Baum, so würde ich dir antworten: nicht alles Leben trägt man außen. Nicht alle Kraft zeigt sich in Knospen.

      Ich bin, wer ich gerade sein kann. Es kann durchaus sein, dass dir das nicht ausreicht. Aber das muss es vielleicht auch gerade nicht. So schaffe ich denn nicht das, was dich aktuell zu bewegen vermag. Völlig in Ordnung für mich. Und für dich sicher auch.

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  1. Emma denkt. sagt:

    Ich gehöre zu jenen, die glauben, dass Kunst stets im Auge des*der Betrachtenden liegt. Liebe Franzi, für mich persönlich ist dein Schreiben Kunst, die mich berührt und bewegt. Ich bewundere, wie du mit Worten spielst, ihnen Klang, Form, Farbe – Leben verleihst. Du inspirierst mich in meiner eigenen Beziehung zum geschriebenen Wort. Immer wieder aufs Neue. Danke für deine Art und für dein Sein, für deine Liebe für und deinen Umgang mit Worten und dass du all das mit uns teilst.

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    1. Stattstadtmädchen sagt:

      Danke. Von ganzem Herzen. Das bedeutet mir unglaublich viel. Als ich zu schreiben begann und dich dann entdeckte, gab mir das ein seltsames Gefühl von „nicht allein sein“. Wie schön, dass die Liebe zu Worten Raum und Zeit zu überbrücken vermag. ❤

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  2. Lutz Reinhardt sagt:

    Danke, deine Zeilen sind sehr hilfreich für mich. Das Schicksal treibt ein schon mal zu Boden und es ist sehr schwer wieder aufzustehen. Gut von Dir, wenn man nicht gleich wieder aufstehen kann.

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