Fragile Unverbindlichkeit

Weil diese Geschichte für so viel Erheiterung gesorgt hat, bekommt ihr sie hier nun auch zu lesen. Eine augenzwinkernde Abhandlung über eine schnöde Paketzustellung

……………………….

Es ist dieses kleine Wort, das Euch Sicherheit gibt.
Das kleine Wort entbindet euch von Verpflichtung. Es trägt Hoffnung in sich und auch ein bisschen Vorfreude.

Ein kleines Wort, das so viele weitere beinhaltet. Angefangen von „vielleicht“, über „wahrscheinlich“ bis hin zu „PECH GEHABT du LAUCH!“

Dieses kleine Wort heißt „voraussichtlich“.

Ich sehe es seit Donnerstag (30. Januar 2020) auf meinem Bildschirm leuchten. Anfangs strahlte es mich voll passionierter Aufregung an, mittlerweile hab ich das Gefühl, es lacht mich aus.

Denn mein Paket, das seit 28. Januar in eurem Besitz ist, hat es bis heute nicht zu mir geschafft. An keinem der voraussichtlichen Tage, zu keiner der voraussichtlichen Uhrzeiten.

Nun, es sei euch zugute gehalten: bei der Bestellung wurde (Autofill am Handy sei Dank) eine falsche Postleitzahl übernommen. Nachdem ich das beim Versender korrigieren wollte, diesen aber telefonisch nicht erreichen konnte, habe ich das per Mail mitgeteilt. Die Info: das Paket sei schon in der Zustellung, ich solle mich mit dem Paketdienstleister in Verbindung setzen.

Zum ersten Mal bekam ich den Link zum Sendestatus. Zum ersten Mal sah ich das Wörtchen „voraussichtlich“. Mein Herz hüpfte.

Und wurde jäh enttäuscht.

Keiner kam, um mir mit einem beglückwünschenden Funkeln in den Augen meinen neuen Teppich zu überreichen. Also suchte ich am Folgetag den telefonischen Kontakt zu eurer Zentrale. Glich die Adresse (mit der nun korrekten PLZ) ab und glaubte der charmanten Dame, die mir versicherte: „Das Paket kommt noch heute bei Ihnen an!“ Ich glaubte ihr, auch wenn der angegebene – voraussichtliche – Zustellzeitpunkt schon überschritten war.

So saß ich, im feinsten Sonntagszwirn, aufgeregt auf der Couch, traute mich kaum auf Toilette, geschweige denn hinaus in die Welt. Nicht auszudenken, der Bote käme und niemand würde ihm öffnen. Er wäre sicher traurig.

Traurig war am Ende wieder ich. Wieder kein Paket. Wieder ein Knacks mehr in meinem Herzen.

Das Wochenende kam. Meine Weinkrämpfe beruhigten sich. Der Appetit kam zurück, gemeinsam mit der Zuversicht, dass der Montag (allgemein als der geschätzteste Wochentag bekannt) auch mir Glück bringen würden. Glück und einen Teppich.

Die voraussichtliche Zustellung: 8.30 bis 12.30 Uhr. Hui das wird toll. Ich bin Freiberufler, versuche also meine Termine ganz nach meinem Blind-Date mit dem Zusteller auszurichten.

Und wurde versetzt. Mein Anruf bei seinem Arbeitgeber ergab: die PLZ ist nicht korrigiert. „Aber“ werfe ich ein „was wenn Ihre Touren nach PLZ-Gebiet geplant werden? Dann sucht der arme Mensch eine Straße, die es dort nicht geben kann.“
„Dann hätte er doch aber zumindest“ so die andere charmante Dame am Telefon „etwas sagen müssen, oder?“
„Das stimmt! Also wollen wir dann trotzdem jetzt mal die Anschrift richtig korrekt eintragen?“
„Gute Idee!“

Gesagt. Getan. Die neue Zustell“option“ wurde erfasst und umgesetzt. „Morgen kommt das Paket GARANTIERT!“

Nagut. Call me naiv, aber i believed the Dame.

Was soll ich sagen. Es ist 15.30 Uhr an einem trüben und traurigen Dienstag.
Das Paket, das voraussichtlich heute, zwischen voraussichtlich 8.30 und 12.30 Uhr geliefert werden sollte, wird voraussichtlich wieder nicht zugestellt. Und ich werde voraussichtlich einen Termin beim Friseur machen müssen. Habe graue Haare entdeckt, als ich gerade weinend vorm Spiegel stand.

Hab auch nochmal, der Tradition wegen, in der Zentrale angerufen. Eine dritte charmante Dame wollte mir garantieren, dass Mr. Delivery heute noch an meiner Schwelle stehen würde.

„Und was, wenn nicht?“ frage ich vorsichtig. „Mmh. Da bin ich auch überfragt. Am besten beim Versender beschweren!“

Ich glaube, das nächste Mal bestelle ich mir den Teppich direkt im Orient. Hab gelesen, die können fliegen.

Das sei ein Märchen? Nun, ich schätze, das ist die „voraussichtliche Zustellung“ auch.

……………………

Edit: Das Paket kam zwischenzeitlich an. Und die Antwort des Paketdienstleisters war aus meiner Sicht grandios, weshalb ich euch das nicht vorenthalten möchte:

„Liebe Franzi,

nichts ahnend bin ich heute morgen ins Büro an meinen alltäglichen Arbeitsplatz gestolpert ohne zu wissen, was der Tag heute so bringen würde. Man kennt das: dies Paket wurde nicht zugestellt, das Paket wurde nicht mit verladen, diese Lieferadresse konnte nicht gefunden. Kurzum das tägliche Drama und jedes Mal sterbe auch ich kleine Tode, wenn ich von den Problemen lese, weiß ich doch, wie sehr man sich auf sein Paket freuen kann und wie sehr das Herz vor Aufregung pocht, ertönt das lang ersehnte Klingeln an der Haustür.
Es bedrückt mich, dass sich so viele Hindernisse zwischen dir und deinen Teppich gestellt haben und ich frage mich ganz ehrlich, wieso du soviel Kummer ertragen musstet, scheint das beschriebene Problem in meinen Augen doch eigentlich schnell lösbar.

Ich freue mich, dass du mit deinem Anliegen den Weg zu uns gefunden hast und noch viel mehr freut es mich, dass das Paket nun doch endlich angekommen ist. Damit auch ich mit der Sache emotional abschließen kann, würde ich mich dennoch freuen, schicktest du mir die Paketnummer+Lieferadresse zum Datenabgleich per PN (Messenger/Chat). Ich lese und höre soviel am Tag, Skurriles, Ärgerliches aber auch Witziges, aber jedes mal möchte ich versuchen aus Fehlern zu lernen, um anderen Ihren Kummer zu ersparen.

Sollten wir nichts mehr von einander hören, möchte ich dir auf diesem Wege danken, für deine freundliche, kreative und idealistische Nachricht. Dein Text ist so eindringlich, ich habe mit dir gefühlt, so als wäre es mein Teppich. Und so wird mich deine Nachricht noch lange begleiten.
Ich würde mich sehr über eine private Nachricht freuen und verbleibe bis dahin

mit den besten Grüßen.

Lxxx“

7 Gedanken zu “Fragile Unverbindlichkeit

  1. Peter Schmidt sagt:

    Es ist halt sehr bequem online zu bestellen. In Erfurt in einen Teppichladen zu gehen, den Teppich anzufassen, die Farben zu sehen und zu riechen, ob nicht die ganze Bude danach müffelt, ist eben nicht mehr zeitgemäß. Aus dem Grund werden sich wohl auch noch die Teppichläden ins www zurückziehen. Und die Rücksendung ist auch viel einfacher und kostenlos. Doch das ist der Hauptgrund für diese, deine nette Geschichte. Versandkollaps! Es ist nicht mehr zu schaffen! Man wird in Zukunft wieder losgehen, um sein Paket in einer Paketstation, oder dem Shop abzuholen. Nur die Geschäfte in der Stadt, werden in naher Zukunft nicht wieder eröffnen. Das ist der Preis den wir für unsere Bequemlichkeit zahlen müssen. Mich eingeschlossen!

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    1. Stattstadtmädchen sagt:

      Lieber Peter, natürlich hast du ein stückweit Recht. Auch ich bin ein Freund lokaler, kleiner Läden, die ich auch von Herzen unterstütze. Die Dosis macht das Gift, denke ich. Was ich im Laden vor Ort nicht finde, das finde ich vielleicht tatsächlich online in einem anderen, der in dem Fall leider weiter weg war. Der Teppich war für meine Mama, sie – nach einer schweren OP noch immer nicht 100 % fit auf den Beinen – hat ihn sich online ausgesucht. Denn auch das sollten wir nicht außer Acht lassen: nicht jeder hat die Möglichkeit in Ruhe zu schlendern und die Dinge dann nach Hause zu bringen.

      Es gibt für jede Münze 2 Seiten. Ich denke, wir sollten generell bewusst mit Konsum und unseren Möglichkeiten umgehen. 😊

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  2. Lutz Reinhardt sagt:

    Hat man sich nun mal in der Postleitzahl vertan und das Drama nimmt seinen Lauf. Es ist es so schwierig in dieser digitalen Zeit, eine Kleinigkeit zu korrigieren. Auch wenn es für dich zum verzweifeln war und Nerven gekostet hat, war es so gut beschrieben, ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen.

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      1. Lutz Reinhardt sagt:

        Hallo,
        nun bin ich enttäuscht. Bin noch so wie ich geboren wurde und damit auch glücklich. Deine kleinen Alltagsgeschichten sind immer sehr gut in Worte gefasst und ich freue mich über jeden einzelnen Betrag.

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