(Er)Schöpferkraft

Die guten Vorsätze fürs Jahr haben es mit sich gebracht: Ich habe mal wieder einen Podcast gehört. Ich gestehe, das mache ich selten. Weil ich die nicht nur nebenbei hören, sondern mich auch damit beschäftigen möchte.

Es sollte also einer sein, der mich ggf. auch mental wachsen lässt; nicht einfach nur pseudolustige Wortkotze von selbsternannten Komikern. Meine Wahl fiel auf eine Folge mit dem Thema Schöpferkraft. Das passte für mich zu den januären Gedankenwirbeln á la „etwas auf dieser Welt hinterlassen“, „Energie bündeln und nutzen“ etc.

Ich musste leider nach zehn Minuten abschalten. Denn von Schöpferkraft wurde definierter in Richtung weibliche Schöpferkraft gegangen. Und die wurde dann vorrangig dadurch begründet, dass wir Frauen Kinder bekommen.

Echt jetzt? DAS ist unsere große Superpower? Versteht mich nicht falsch: es geht nicht darum, dass Schwangerschaft, Geburt und Kinder nicht ein absolutes Wunder sind. Das sind sie. Wohl niemand sieht dieses Wunder so klar, wie die Menschen, für die es immer eine Utopie bleiben wird. Menschen wie mich.

Ich bin unfruchtbar. Ich bin körperlich nicht in der Lage, schwanger zu werden und ein Kind zu gebären. Nimmt mir das die Fähigkeit, eine weibliche Schöpferin zu sein? Und was ist mit all´den Menschen, die mental nicht dazu in der Lage sind? Was ist mit all´denen, die sich bewusst gegen eine Reproduktion ihrer Gene entscheiden?

Stehen wir alle klopfend an der Tür zum „Higher Self“ und werden abgewiesen, weil wir unseren Uterus nicht nutzen können oder wollen? Sorry, aber das ist doch wirklich esoterischer Bullshit.

Ich bin absolut pro-spirituell. Aber Spirit kommt von Geist und der Geist ist frei. Wir sollten aufhören, ihn definieren, erklären und beschränken zu wollen.

Wir, die wir gestalten und erschaffen, erfinden und inspirieren – wir sind Schöpfer. Wir, die wir unsere Energie, unsere Seele und unser Herz nutzen, um diese Welt zu bereichern – wir sind Schöpfer. Und zwar unabhängig davon, ob wir Kinder in diese Welt setzen können oder nicht.

Nochmal: ich feiere jede Schwangerschaft, jede Geburt, jede Mama und jeden Papa, die kleinen Menschen das Leben schenken und sie durch eben dieses begleiten. Ohne Kinder, keine Zukunft.
Was ich sagen will ist: Menschen die das nicht können oder wollen, sollte nicht die Schöpferkraft abgesprochen oder deren Wert für die Welt bezweifelt werden. Und wiederum Mütter nicht auf diese eine Aufgabe reduziert werden. Macht man ja mit Vätern in der Regel auch nicht.

Das bringt zum einen sehr viel Unsicherheit und Selbstzweifel in Umlauf und behindert zum anderen oft eine offene Kommunikation. Auch Fehlgeburten, Abbrüche oder Schwierigkeiten, in die neue Rolle als Mutter oder Vater zu schlüpfen werden häufig nur hinter vorgehaltener Hand besprochen. Dabei ist all das alles andere als selten.

Dadurch entstehen Masken, hinter denen Menschen straucheln. Weil sie glauben, nicht gut genug zu sein. Und das finde ich traurig und erschöpfend.

Deshalb möchte ich in die Welt hinausrufen, so laut, dass auch ich selbst es höre: Ihr seid gut genug! Ohne eure Gedanken, Taten und Worte wäre diese Welt ärmer. Niemand kann alles. Aber alle können etwas.

Packen wir die Gelegenheit bei den Schöpfen – und schöpfen! Alle gemeinsam.

Blogfoto: Anja Feßer

10 Gedanken zu “(Er)Schöpferkraft

  1. Mary sagt:

    Danke für diesen Text. Das Thema beschäftigt mich sehr häufig, denn auch ich habe mich nicht freiwillig dazu entschieden nie Kinder zu haben. Aber ich fühle mich deshalb nicht un-schöpferisch – im Gegenteil. Die Zeit meines Tages nutze ich nahezu ausnahmslos (beruflich und privat) Dinge zu erfinden oder Ideen zu haben.
    Das Thema tut weh, weil es mich für eine Millisekunde im Monat an meiner Weiblichkeit zweifeln lässt, meine Periode mir wie ein großer Stinkefinger erscheint und ich überhaupt manchmal nicht als die erwachsene Ü-30-Frau wahrgenommen werde, die ich seit Jahren bin. Danke, dass du deine Gedanken mit uns teilst, fühlt sich gut für mich an.

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  2. Sabine sagt:

    ❤ Ein Herz fürs Nachfühlen und ein 👏 für Verstehen der offenen Worte.
    DAS Leben ist komplex und eine Frau kann alle diese Dinge durchmachen, in einem einzigen Leben. Es macht einfühlsamer und verständnisvoller, auch wenn einen selbst oft aus der Bahn geworfen hat.

    Gefällt 1 Person

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