Tol(l)erant

Die Thüringer Bloggerszene hatte dazu aufgerufen, einen Text darüber zu verfassen, in was für einem Thüringen wir leben wollen. Unter der Thematik #bloggersindbunt ging es vor allem darum, wie wir über Diskriminierung und Extreme denken.

Nach einem impulsiven JUHU meinerseits kam doch recht schnell die Ernüchterung. Denn ich brachte kein Wort zu Papier. Ich habe lange überlegt, woran das liegt – bin ich doch selbstdiagnostisch ein extrem toleranter und weltoffener Mensch. Wieso nur will mir dazu nichts einfallen?

Je näher die Deadline (eine Hassliebe!) rückte – heute – desto klarer wurde es mir.

Wie beschreibt man etwas, das für einen alltägliche Norm ist, als etwas besonderes? Wie inspiriert man, wenn das, was man lebt, für einen selbst beinahe banal scheint?
Wenn ich den metaphorischen Blick schweifen lasse, über das, was ich Familie und Freunde, Kollegen und Mentoren nennen darf, dann lebt es davon, bunt und divers zu sein. Es überlebt überhaupt nur so. Ich bin – davon ist wohl auszugehen – in einer so krassen Filterblase, dass mir Intoleranzen häufiger beim Essen begegnen, als im direkten Umfeld. Leider heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Das Gegenteil ist der Fall.

Intoleranz scheint wieder in Mode zu kommen. Manch einer trägt sie so stolz vor sich her, dass man meinen könnte, sie wäre der heißeste Fashiontrend des Jahres. Variieren wir ein wenig in den Accessoires der Sprache: den Buchstaben. Ein schickes „c“ noch dazu, dafür das „i“ und das „n“ weg, das wirkt sonst zu überladen. Nun, die Wortspieler unter euch schmunzeln nun vielleicht. Auch wenn es eigentlich nicht witzig ist.

Mehrere Mitglieder meiner Familie leben im Ausland. Oder haben nichtdeutsche Wurzeln und leben hier. Viele meiner Freunde oder Kollegen leben eine andere Sexualität als die heterosexuelle. In meinem Umfeld gibt es Menschen, die eine offene Beziehung führen, kinderlose Paare – gewollt und ungewollt -, allein erziehende Männer und Frauen, Patchworkfamilien. Ich darf die Haut von Menschen berühren, wenn ich ihnen die Hände schüttle oder sie umarme – und jede hat eine andere farbliche Nuance. Jede! Es gibt starke Frauen und zarte Männer, bunte Haut und laute Musik. Religion und Atheismus. Es gibt Veganer und überzeugte Fleischesser, Sportler und gemütliche Leute. Meine Seele wohnt Tür an Tür mit Menschen, die körperliche oder seelische Einschränkungen haben – mich selbst inbegriffen. In dieser Filterblase platzen Tabus, wenn sie keine sein sollten. In dieser Blase sind Neugier und Respekt die Motoren für ein kribbelbuntes Miteinander. Und nicht zuletzt lebt mein Sein und Tun, das Reden und das schreibend Denken davon, dass wir alle miteinander vernetzt sind, unabhängig von Grenzen.

Ich kenne nicht einen Menschen, der nicht gegen irgendetwas verstößt, was für andere normal ist. Auch die nicht, die Angst vor der Fremde in sich tragen. Denn auch die gehören zu meiner ganz persönlichen Umwelt. Und es sind Menschen, die ich liebe.

Wir alle leben davon, dass der Mensch, mit dem wir Raum und Zeit teilen, uns toleriert. Er muss uns nicht immer verstehen. Er muss nicht sein wie wir. Er muss uns nicht mal besonders mögen, aber verdammt noch mal: Toleranz ist der Gradmesser der Menschlichkeit.

Mein bester Freund ist gerade auf Reisen. Er hatte diesen grauen Panzer satt, der über seiner bunten Seele lag. Er gab vieles weg und auf – und schaffte damit Platz für neues. Er ist nun seit einem guten Jahr mit seinem Wohnmobil Bronco unterwegs. Bewegt sich frei in Europa und genießt diese Freiheit. Ich konnte nicht umhin ihn zu fragen ob ihm in all der Zeit Diskriminierung begegnet sei. Er schrieb:

„Man kann auf der ganzen Welt Freunde finden, man muss aber offen, ehrlich und selbst ein guter Mensch sein, dann ist das überhaupt nicht schwer. Ich bin heute bei Freunden zum Abendessen eingeladen – die sprechen kein Wort Englisch, also können wir nicht mal reden. Und trotzdem verbringen wir die Zeit zusammen und das fühlt sich sehr gut an. Ich habe im Grunde genommen ausschließlich freundliche Menschen getroffen. Es liegt immer an dir selbst! Hier gibt es ein kleines Dorf, da kennen mich mittlerweile alle und freuen sich mich zu sehen. Die Fischer kommen zu mir an den Strand und fragen mich, wie es mir geht, ob alles okay ist, es ist unfassbar. Ich habe keine Erfahrungen damit gemacht dass ich ausgegrenzt wurde!“ (Stefan Kirmse aka Jazzer aka the Broncopilot aka Ichbindannmalweg).

Ich denke, das ist ein guter Punkt. Es kommt auf einen selbst an. Das heißt aber auch: beginne bei dir selbst. Erwarte nicht, dass andere den ersten Schritt machen. Zeig nicht mit dem Finger auf den Gegenüber und schimpfe: „Der hat aber dies gemacht oder das gesagt! Und deswegen mach ich das auch so und setz vielleicht sogar noch eins drauf!“

Leben funktioniert meist von innen nach außen. Was ich gebe, kehrt zu mir zurück.

Und in dem Thüringen, in dem ich leben will; das Thüringen, das ich liebe, ist eins, das Toleranz am liebsten mit Doppel-L schreiben würde. In dessen Strassen italienische Mamas ihren Kindern fröhlich italienische Weihnachtslieder singen, während sie nach Hause schlendern – und dieses Zuhause liegt nicht 1.300 km weit weg – sondern in meiner Nachbarschaft. In diesem Thüringen gehen wir Sushi essen, lassen uns die Bärte beim arabischen Barbier stutzen, trinken Ouzo und feiern Opernsänger aus aller Welt am eigenen Theater. Wir kritisieren, legen den Finger in die Wunde – und helfen ihr beim Heilen. Wir reden mit den Händen, in uns beiden fremden Worten oder der Weltsprache: einem Lächeln. In diesem Thüringen respektieren wir die persönliche Freiheit des anderen und gehen damit auch manchmal Kompromisse ein. Wir feiern unsere Prominenten, denn wir haben nicht viele davon. Und wir sorgen dafür, dass sie mit unserem Thüringen angeben. In diesem Thüringen kämpfen wir für kranke Kinder, arme Rentner und Bedürftige – und das ganz unabhängig davon, jenseits welcher Landesgrenze sie ihren ersten Schrei taten. Und manchmal verlieren wir, aber gemeinsam. In diesem Thüringen haben wir Poeten und Proleten, Chaoten und Exoten, Gewählte und Geduldete, Morgen und Abend. In diesem Thüringen essen wir Klöße, lachen über Fritz und kennen doch seinen ganzen Text. In diesem Thüringen sind wir manchmal dichter als Goethe, ein bisschen komisch, aber liebenswert. Wir reisen gern, kehren gerne wieder und vor allem vor unserer eigenen Tür. Wir praktizieren Yoga oder jiu jitsu. Spielen Fußball als Team – mit Taktik und Leidenschaft, ohne Geburtsurkunde. In diesem Thüringen stänkern Erfurter gegen Jenaer. Und Jenaer gegen Erfurter. Und haben sich doch lieb. In meinem Thüringen der Zukunft reichen wir uns die Hände, nicht die Fäuste. In diesem Thüringen sind wir dankbar dafür, dass wir reicher sind, als wir eigentlich merken. Reicher an allem: Frieden, Freiheit, Sicherheit und Bratwürsten. Und wenn jemand seine Bratwurst mit etwas anderem essen will als Senf, dann dürfen wir ihn seltsam finden. Aber wir lassen ihn.

Denn wir sind Tol(l)erant.

11 Gedanken zu “Tol(l)erant

  1. Lutz Reinhardt sagt:

    Sehr gut für Thüringen beschrieben und eine super Verhaltensregelung. Deine Blogbeiträge sind immer wieder toll und ich freu mich über jeden einzelnen. Danke

    Liken

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