Nine inch years

Heute vor neun Jahren.

Lag soviel Schnee auf den Straßen unserer Stadt, dass der Verkehr fast vollständig zum Erliegen kam.

Heute vor neun Jahren.

War meine letzte Weihnachtsbaumsammelfigur, die ich jedes Jahr von dir geschenkt bekommen hab, vier Tage alt.

Du hattest dich zu meinem Geburtstag noch einmal zu mir in die zweite Etage geschleppt. Du, der sein Leben lang Sportler war. Und nun blieb dir nach knapp 30 Stufen die Luft weg. Du hast versucht, es mit einem Lächeln zu überspielen, aber dieses Lächeln wirkte erschreckend antrainiert.

Heute vor neun Jahren, hast du das letzte Weihnachtsmahl gekocht. Das hast du dir nicht nehmen lassen. Auch wenn jeder Handschlag ein Marathon gewesen sein muss.

Morgen vor neun Jahren bist du das letzte Mal ins Büro gefahren. Aus dem ich dich dann abgeholt habe. Ein letztes Mal selbstbestimmter Alltag – zumindest mental, denn körperlich warst du längst ein Gefangener dieses Krieges, der in dir tobte. Ich konnte dich zwischen den Gitterstäben der Endlichkeit hindurch trotzen sehen.

Heute vor neun Jahren hattest du noch knapp zehn Tage. Und ein paar Stunden.

Zehn Tage, in denen nach und nach erst deine Erinnerung ging und später dein Körper folgte. Ich erinnere mich noch an dein höfliches aber hilfloses Lächeln, als die Ärztin dich fragte, ob du wüsstest wer ich sei.

Ein Lächeln das zu sagen schien: verzeihen Sie, Sie kommen mir so bekannt vor, kennen wir uns? Der Tumor in Deinem Kopf hat Dir erst uns gestohlen und dann dich uns.

Wenn mich jemand rätselnd fragt, wann denn nur dieses Schneechaos war, dann kann ich antworten: es war vor neun Jahren.

Als wollte das Universum auf Nummer sicher gehen, dass ich auch wirklich nichts von dem vergesse, was damals geschah. Nicht, dass ich ein Herz gebrochen habe, damals, vor etwas über neun Jahren. Nicht dass mir meines gebrochen wurde. Und nicht, dass deines in wenigen Tagen für immer aufhören sollte zu schlagen.

Lass los, heißt es. Schau nach vorn, heißt es.
Aber wir lassen unsere Toten nicht los. Weil wir dann selbst fallen würden. Wir sind für immer mit ihnen verbunden. In Liebe. In Erinnerung. In Schmerz. Und auch wenn wir nach vorn schauen, werden wir doch immer wieder Rückblenden haben. Wir brauchen diese Rückblenden. Sie sind unsere Zeitschleife, die um unser Leben gebunden wurde. Sie erinnert uns daran, dass jeder Tag ein Geschenk ist.

Kein Schnee in diesen Weihnachtstagen auf den Straßen unserer Stadt. Und ich bin froh darüber. Denn der nassgraue Asphalt lässt es weiter weg erscheinen.

Weiter weg, als neun Jahre zählen können.

3 Gedanken zu “Nine inch years

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