Stille

Ich bin in meinem Leben mit so vielen Arten von Stille konfrontiert worden. An manche werde ich mich dennoch nie gewöhnen.

Denn Stille ist nicht gleich Stille. Sie kann uns in so vielen verschiedenen Gewändern begegnen.

Die aktive Stille. Die, die du bewusst wählst, wenn du dich einfach irgendwo hinsetzt und in dich hörst. Die Augen schließt und deinen Atem rauschen hörst wie das weit entfernte Meer. Das ist die Ruhe, in der wir uns nicht in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft sehnen. Friedlich. Das ist die Ruhe, die entsteht, wenn unsere Sehnsüchte gestillt ist.

Nicht umsonst heißt es genauso. Stillen. Beruhigen.

Die bedingte Stille. Die, die sich durch eine Situation ergibt. Eine unruhige Ruhe, der du dich entziehen möchtest, weil sie dich nicht erfüllt. Das ist die Art von Stille, die dir widerfährt, wenn du nach einem turbulenten Tag allein auf deiner Couch oder im Hotelzimmer sitzt. Eine laute Stille, in der der Tag noch nachrauscht.

Sie fühlt sich an, wie ein Zimmer in dem die Tür leicht offen steht, hin zu einem dunklen Flur.

Die erzwungene Stille. Das ist die, die dir begegnet, wenn jemand dich ignoriert. Den Kontakt zu dir in einen Ruhezustand versetzt, gegen den du nichts tun kannst. Ich meine nicht den ausgesprochenen und geklärten Wunsch, getrennte Wege zu gehen, sondern die Art von Missachtung, die einen ahnungslos zurücklässt. Die einem keine Möglichkeit gibt, etwas zu verstehen oder für den eigenen Standpunkt einzutreten. Für mich eine der schlimmsten Stillen. Sie zeigt eine düstere Seite der Persönlichkeit. Beim stillgelegten aktiviert diese Form von sozialer Ablehnung übrigens die gleichen Hirnareale, die auch bei körperlichen Verletzungen angesteuert werden. Simpel gesagt unterscheidet das Schmerzzentrum im Hirn nicht zwischen einem gebrochenen Herzen und einem gebrochenen Arm.

Die ewige Stille. Das ist die, die in dir zurückbleibt, wenn jemand für immer geht. Wenn der Tod ihn unerreichbar weit fort bringt und dir nur verblassende Erinnerungen bleiben. Das ist die Form von Stille, in der alles stumm und taub ist und du deinen eigenen Schrei nicht hörst. Nur fühlst. Diese Stille ist vollendet, denn sie birgt alle vorigen in sich. Sie schmerzt wie die erzwungene. Sie rauscht wie die bedingte. Aber irgendwann wird sie zu eben der aktiven Stille, in die wir uns gern und bewusst begeben. Wenn wir Frieden geschlossen haben mit der Ewigkeit und den Schmerz, der ohne Frage immer da sein wird, verwandeln in die wärmende Glut der Erinnerung.

Stille ist nicht gleich Stille.
Und doch lehrt uns jede einzelne etwas.

Oder wie Ernst Ferstl einst sagte:
Die Stille stellt keine Fragen, aber sie kann uns auf alles eine Antwort geben.

Foto: Hellbunt Fotografie

2 Gedanken zu “Stille

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