Keine Musen mehr. Nur noch Müssen.

Ein Text vom Juli 2017

 

Hier stehen wir. Gefangen im Nichts.

Unfähig eine Entscheidung zu treffen. Gehen? Oder Bleiben?

Geflohen vor der erstickenden Wolke aus Vorwürfen, in der wir sitzen, wenn wir beieinander sind. Du bist Zuhause, ich überall und nirgends. Das zarte Band des digitalen Kontakts hält uns zusammen.
Je näher wir uns reell kommen, desto mehr stoßen wir uns ab.

Wir ertragen es nicht, den gleichen Raum zu teilen. Ertragen gleichzeitig den Gedanken nicht, vielleicht gar nichts mehr zu teilen – außer gemeinsamer Erinnerungen.

An welchem Punkt gibt man auf?
Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Unsere Beziehung ist erkrankt. Vor vielen Monaten schon gab es die ersten Symptome. Du hast sie ignoriert. Ich habe sie dramatisiert.

Beide haben wir es dadurch nur schlimmer gemacht, bis es nicht mehr aufzuhalten war. Dabei kannten wir die Medizin die hätte helfen können: Nähe, Kommunikation, Interesse, Emotion, Zweisamkeit, Mut zur Konfrontation.

Schwankend zwischen Überdosis und Ignoranz haben wir nie die richtige Dosierung gefunden. Und jetzt sind wir an einem Punkt, an dem uns Dr. Love sagt:

„Wir haben alles versucht. Sie sind aus-therapiert. Wir können nichts mehr für Sie tun.“

Gelähmt fragen wir „Wie lange noch?“ ohne zu realisieren, dass uns gerade der nahende Tod prophezeit wird.

Es wird kalt. Die Panik setzt ein. Die Luft bleibt weg, und das Herz zieht sich, umwoben von einem zerstörerischen Schmerz, heftig zusammen. Soll es das gewesen sein? Aber wir hatten doch noch so viel vor …

An welchem Punkt gibt man auf? 
Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt…

Hoffnung hat uns von Beginn an begleitet. Das, was uns jetzt noch zusammenhält, hat uns auch damals zusammen geführt. Die digitale Welt. Das oft so unsoziale Social Media.
Ein Stupser. Ein Hallo. Ein gewitzter Dialog.
Tage- und nächtelanges Schreiben. Seelische Nähe ohne körperliche. Warum funktioniert das mit dem „Anstupsen“ nicht in der analogen Welt?

Schnell war klar, dass wir ein WIR sind. Vielleicht zu schnell. Wir haben uns selbst überholt und bereits in der ersten Woche die jeweils andere Familie kennen gelernt, zu der wir fortan gehören sollten.

Wir hatten geheime Zeichen, Codewörter, Bilder, Symbole – schon in den ersten Tagen. Wir waren unromantisch auf unsere eigene romantische Art.
Wir waren offen und ehrlich. Kritik war konstruktiv und nie verletzend.
Wir haben uns Freiheiten geschenkt und dabei nie das Gefühl gehabt, sie zu brauchen. Alles schien leicht, federleicht.

Wir haben das Beste in uns zum Vorschein gebracht: der Michelangelo-Effekt hat seinen Zauber entfaltet. Michelangelo sah in jedem Block Marmor bereits das fertige Kunstwerk und wusste, dass er dieses nur noch ans Licht bringen müsste – mit dem richtigen Einsatz seiner Werkzeuge.

Werkzeuge wie Bestätigung, Bestärkung und Unterstützung bei der Entwicklung der eigenen – besten – Persönlichkeit, ohne den anderen egoistisch und manipulativ verändern zu wollen. Wir waren uns gegenseitig Musen.

Doch dann passierten Dinge, auf die wir nicht vorbereitet waren. Dinge, die man nicht einfach ausblenden kann, wie bei Facebook.
Wie einfach wäre es, sich einfach eine Zeit lang nicht im eigenen Leben anzumelden. Beziehungsfasten.
Warten bis der Sturm vorüber zieht und dann wieder voll einsteigen.
Leider geht das im realen Leben nicht.

Tod bleibt Tod.
Trauer bleibt Trauer.
Krankheit bleibt Krankheit.
Kälte bleibt Kälte.

Zuviel Schicksal ist in der kurzen Zeit auf uns eingeprasselt. Mehr als wir (er)tragen konnten. Aus Erwartungen wurden Enttäuschungen, aus Vertrauen wurde Misstrauen. Aus WIR wurden wieder du und ich.

Keine Musen mehr. Nur noch müssen.

Wenn sich unzählige kleine und große Befindlichkeiten ineinander verstricken und beide Partner, statt zu reden, immer mehr in die eigene Richtung ziehen, entsteht zwangsläufig ein riesiger Knoten aus „Darums“. Ein Knoten, der kaum noch entwirrt werden kann.
Diese Energie überträgt sich auf Emotionen, auf den Seelenzustand, auf uns. Wir sind verknotet, tangled, verwirrt. Diese Knäuel aus Stolz und Trotz führt zu extremer Unfreiheit, die uns daran hindert die Dinge zu tun, die uns am Herzen liegen und der zu sein, der wir gerne wären.

Wir leben neben-, statt miteinander.
Haben Schmerzen beim Festhalten und wollen doch nicht loslassen …

An welchem Punkt gibt man auf? 
An welchem hätte man es noch schaffen können?

Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt…

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2 Gedanken zu “Keine Musen mehr. Nur noch Müssen.

  1. Robert sagt:

    An welchen Punkt gibt man auf?An welchen hätte man es noch schaffen können?Wer schon einmal ein Bild mit Wasserfarben gemalt hat,kennt den Effekt ,das wenn man nicht aufpasst,sich alle Farben vermischen.Zum Schluss hat man ein undefinierbares Gemisch.Kein Anfang und kein Ende.Keine Chance noch zu erkennen,was es mal darstellen sollte.So ist es auch mit der Zweisamkeit.Achtest du nicht auf dich selbst,vermischt du dich mit deinem Gegenüber.Das geht so lange bis man nichts mehr zu erkennen vermag ,wo man selbst anfängt und der andere endet.Kein Ich mehr,kein Wir mehr.Darin vermag man weder das gehen noch das bleiben zu erkennen.Allein das zerstören erschafft eine weiße Leinwand,auf der ein neues Bild entstehen kann.Daher sollte man darauf achten, die richtige Farbe zu nutzen oder wenigstens die richtige Menge an Wasser zu wählen.

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  2. BeeKay sagt:

    I can highly recommend Mira Kirschenbaum’s „Too Good to Leave, Too Bad to Stay: A Step-by-Step Guide to Help You Decide Whether to Stay In or Get Out of Your Relationship“.

    And don’t forget the magic potion – independent of the outcome – called „time“ .

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