Grenzflächenwesen

Manchmal ordne ich Dingen, die ich sehe, Geräusche zu.
Also: wie würde sie wohl klingen, wenn sie Töne hätten.
Tannennadeln zum Beispiel verursachen in meinem Kopf den Sound von knirschendem Schnee. Wenn ich eine Muschel sehe, habe ich automatisch das Meeresrauschen im Ohr. Und Seifenblasen klingen für mich wie die Anschläge auf Klaviertasten und die zerbrechlich zarten Töne, die dadurch erzeugt werden.

Irgendwie unwirklich.
Unwirklich schön.
Unwirklich schön, wie Träume, die noch keine Realität geworden sind.

Nicht umsonst verbindet man Seifenblasen metaphorisch mit Träumen.
Aber gehen wir mal ganz realistisch an die Sache, sprich physikalisch:

Seifenblasen sind faszinierende Gestalten. Sie jonglieren an der Grenze zwischen zwei Stoffbereichen, sind überschreitend flüssig und gasförmig.

Seifenblasen sind Grenzflächenwesen.

Damit sie überhaupt existieren können, muss der im innen herrschende Druck den Druck der umgebenden Atmosphäre stets um den durch den Krümmungsdruck gegebenen Betrag überschreiten. (Google ist mein Freund!)

Rein physikalisch gesehen funktioniert ein Traum also nur mit Druck! Oder sagen wir – und das entkrampft es doch deutlich – mit genau dem richtigen Verhältnis des Drucks zueinander. Stimmt der nicht, platzt der Traum.
Mit einem schnöden Plop.

Ich finde, das klingt nicht nach Alice im Wunderland, sondern nach fein säuberlich geschnittener Pappe zum Abendessen mit einem un-aromatischen Staubtopping.

Man merkt schon: Physik und ich, wir sind nicht unbedingt ein Traumpaar.
Ich versteh´ einfach nichts davon. Hab´ ich nie.

Und wenn ich noch so viel Theorie in mich sauge: vor diesem Teil des Verstandes steht ein kleiner Peter Pan Wache. Er lässt es nicht zu, dass Stecker und Dose dieser Information zueinander finden. „Das Wissen um die Funktionalität von Seifenblasen ist etwas für Erwachsene.“ ruft er entschlossen „Und du bist nicht erwachsen!“.

Naja, zumindest nicht so sehr, dass ich meine Träume durch Innen- oder Außendruck bestimmen lasse, da geb´ ich ihm Recht.

Für mich werden Seifenblasen immer faszinierend bleiben. Ich werde immer mit leuchtenden Augen in die changierenden Farben der Lamellen schauen, in dem Bewusstsein, dass der Stich einer Nadel, ja, das winzigste Hindernis diesen kleinen Traum zerplatzen lassen kann – so wie manchmal ein einziges Wort zerstören kann, was man in einem anderen Menschen sieht.

Ich werde immer hingerissen sein, von der Balance und der zarten Spannung. Von der Kommunikation, wenn zwei Seifenblasen aufeinander treffen. Selten platzen sie, eher reflektieren sie sich elastisch oder werden zu einem sich umarmenden Objekt. So wie sich eigener Erfolg nicht schmälert, nur weil man anderen das gleiche gönnt.

Ich habe übrigens immer gedacht, Seifenblasen sind mit Salzwasser nicht möglich. Tatsächlich aber ist es so, dass eine geringe Menge Salz sie sogar noch haltbarer macht. Tränen und Schweiß gehören also zu Träumen, ja erhalten sie – in der richtigen Menge. Und tropfende Tränen sind am Ende auch nur kleine Flüssigkeitsblasen gefüllt mit Phantasien.

Ich glaube, ich liebe Schaumbäder deshalb so, weil Schaum eigentlich eine Anhäufung von unfassbar vielen kleinen Träumen ist.

Und ich glaube, ich liebe Weihnachten so, weil mich Christbaumkugeln an handgemachte Seifenblasen für die Ewigkeit erinnern. Träume im Schein von Kerzen.

Das Bild von Weihnachtsbaumkugeln erinnert mich gleichzeitig an meine Kindheit:
Mein Opa hat früher als Kunstglasbläser gearbeitet. Er hatte eine kleine Werkstatt mit Laden in der Erfurter Paulstr. Als Kind habe ich es geliebt, in die zuckende blau-violette Flamme des offenen Brenners zu schauen. Die Verwandlung dieses so kalten und starren Glasstabes zu sehen, der sich mit exakt temperierter Hitze in butterweiches Material verwandelt und dann mit konstanter – aber zarter – Bearbeitung zu einer völlig neuen Form entwickelt, hat mich ein ums andere Mal verzaubert. Für mich war das Magie.

Vielleicht hat mich das geprägt. Vielleicht denke ich deshalb bis heute, dass man mit Wärme und Leidenschaft, mit Nachgiebigkeit und Gelassenheit auch das härteste Herz erweichen und neu formen kann.

Weil wir am Ende doch alle nur nachtgespaltene Grenzflächenwesen sind. In denen es laut wird, wenn es außen leise wird. Die oft zerrissen sind zwischen der Realität, die ist, und der Realität, die wir uns wünschen würden.

Manchmal sind wir selbst der Traum, der noch keine Realität geworden ist.
Schillernd-bunte Seifenblasenseelen.

Ich finde, es gibt schlimmeres.

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3 Gedanken zu “Grenzflächenwesen

  1. Christian Funke sagt:

    Ihre Seifenblasen-Sonate klingt bestimmt nach viel leicht. Sehr angenehm. Und zur Physik vom Glück kann ich nur sagen: die ist nicht zu fassen. Es flitzen die Igel, dem nach hinken die Hasen.
    Frostfreie Grüße von Christian Funke

    Gefällt 1 Person

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