Von schlechtem Kaffee und guter Musik

Sonntagmorgen. 8 Uhr.

Der Himmel hängt in etwa so träge über der Stadt, wie die Augenlider in meinem Gesicht.

Mundwinkellevel 3 – das ist ungefähr horizontal mit einer leichten Tendenz zum Abfallen. Das Abfallen ist aber nicht der Traurigkeit, sondern der nachlassenden Straffheit des Gesichts geschuldet – was halt so kommt, wenn man sich auf der Reise durch die Jahre befindet.

Vor mir steht ein liebevoll zu recht gemachtes Frühstück. Von mir selbst. Für mich. Dinkeltoast mit Honig. Ein zu hart gekochtes Bio-Ei (Auf der Packung steht tatsächlich: „Die Marke für die keine Küken getötet werden.“ Ich finde diese Marketingstrategie ja einen Hauch grausam, aber auch grundehrlich.) Außerdem Grapefruit und ostfriesischer Blatttee.
Kaffee trinke ich seit drei Tagen nicht mehr. Naja, eigentlich ist heute erst der dritte Tag. Dabei liebe ich Kaffee. Aber ich bin ein Suchtmensch – wenn ich einmal drin bin, im Kaffeestrudel, dann wurden es in letzter Zeit auch mal vier Tassen täglich. Und der hat nicht mal geschmeckt (Automatenkaffee im Büro).
Am Freitag war mir nicht nach Koffein und davon war ich am Samstag so überrascht, dass ich direkt weitergemacht hab mit dem Aufhören.
Also Blatttee zum Frühstück.
Über das zu hart gekochte Ei beschwert sich keiner. Und auch nicht darüber, dass ich im Bademantel auf der Couch sitze, mit meinem Laptop auf dem Schoss und Toastkrümeln in den Haaren.

Herrlich.
Und doof.

Am Vorabend war ich spontan im Kino. Allein. Hab´ den Einzelsitz zwischen zwei Paaren bekommen. Yay. Habe mir Popcorn gekauft. Eine kleine Tüte, für mich ganz allein, von der am Ende dann trotzdem die Hälfte übrig blieb.
Man kann den Film großartig sacken lassen und sich zunächst eine eigene Meinung über Großartigkeit oder  Sinnlosigkeit des eben gesehenen bilden, wenn man nicht sofort in eine Diskussion darüber einsteigt.

Herrlich.
Und doof.

Sonntagmorgen. 9 Uhr.

Das Frühstück ist vertilgt, vom Tee ist noch was da. Ich starre in den Laptop und will mir eigentlich die Morgennachrichten ansehen. (Fun Fact: ich habe keinen Fernseher. Den habe ich weggegeben, weil ich lieber TV-Single bin, als RTL zum Partner zu haben.)

Ich starre, weil ich mich nicht von der Vorschau der ntv-Doku lösen kann. Die Headline lautet: „Käfer furzt sich in die Freiheit“. Jap. Sonntagmorgen und ich denke über die Überlebensstrategie der Bombardierkäfer nach, die um ihr Leben furzen. Vielleicht machen das auch Menschen hin und wieder, und wir verstehen den Ruf nach Freiheit einfach nicht. Vielleicht wäre RTL jetzt irgendwie doch besser gewesen.

Ich schaue weder die Doku, noch Nachrichten. Noch nicht. Ich bin noch nicht bereit für die Welt und all dem Furz und Feuerstein, der darin passiert.

Stattdessen öffne ich meinem Partner in Crime die Tür. Wenn auch nur metaphorisch. Sie versteht mich ohne Worte. Und ich kann nicht ohne sie.
Sie heißt Musik.

Manchmal hörst du ein Lied und hast nicht nur das Gefühl, dass es für dich geschrieben wurde, sondern weißt gleichzeitig: du bist nicht allein.
Das hat etwas unglaublich tröstliches.
Ich liebe es, Musik zu entdecken. Ich bin ein Youtube-Hopper, Spotify-Shuffler, Napster-Taucher – damit könnte ich mich Stunden beschäftigen.
Wer auch immer Shazam entwickelt hat: ich feier dich, mein Freund!

Manchmal hat mich ein Lied schon mit den ersten Akkorden. Meist sind es die reduzierten Akustikstücke, die mich sofort erreichen. Dann sitze ich wie ein kleines Kind mit leuchtenden Augen da (können manchmal auch Tränen sein) und lausche neugierig und ein bisschen spachlos.

Ich glaube fest, Künstler sind die Dolmetscher unserer Emotionen. Sie haben die Fähigkeit uns Zugang zu unserer Gefühlswelt zu verschaffen, die uns sonst in ihrer Fülle verborgen bleiben würde. Sie schließen manchmal einfach eine Tür auf und öffnen uns einen Raum, der in uns versteckt war – von dem wir aber immer ahnten, dass er da ist.

Damit sie das können, müssen sie selbst sehr intensiv empfinden, was mitunter sehr anstrengend sein kann – meistens aber auch genauso erfüllend.
Manche nutzen Malerei als Sprachrohr, manche das Schreiben oder Fotografie.
Viele – und das ist für mich persönlich die eingänglichste Form – Musik.
Sie versöhnt mich, sie tröstet, motiviert oder löst Blockaden. Leider fehlt mir für das Beherrschen eines Instruments das Talent. Oder die Disziplin. Oder beides.

Musik scheint ein schier unerschöpflicher Schatz.
Natürlich gibt es sicher Statistiken, wie viele Lieder  schon veröffentlicht wurden; aber – wie viele liegen da noch unbekannt in Schubladen? Wie viele warten in den geistigen Gärten noch darauf, endlich blühen zu dürfen?

Und wie viele tangierende Gefühle dazu gibt es wohl. Und wie viele sind noch nie „veröffentlicht“ worden und wie viele werden es wohl nie?
Wie viele schlummern da in dir?

Sonntagmorgen. 10 Uhr.

Musik und ich sitzen vor den vollgekrümelten Tellern und der leeren Tasse, in der mal Blatttee drin war. Wir reden im Geiste darüber, wie schön es ist, allein sein zu können. Und wie doof, wenn man es mal sein muss.

Wir reden darüber, wie wir uns manchmal in Kompromisspartnerschaften begeben, nur um nicht allein sein zu müssen. Lieber RTL als Stille. Lieber vier Kaffee, und mögen sie noch so schlecht sein, als nur Wasser. Lieber einen Pullover, in dem wir völlig versinken, weil er viel zu groß ist, als nackt sein.

Und ja – allein sein ist nicht immer herrlich.
Manchmal ist es auch einfach doof.
Manchmal liege ich heulend auf der Couch in einem viel zu großen Pullover und vermisse meinen Fernseher.

Aber im Grunde weiß ich, dass ich lieber allein bin, als mich oder meinen Partner, oder im worst case uns beide, zu einer Kombination aus miesem Kaffee, einem sinnfreien Programm und schlecht sitzenden Hüllen werden zu lassen.

Immer wieder kommt mir da der Satz in den Sinn: Wer bist du, wenn du niemand sein musst? Und wenn ich das irgendwann weiß –  wenn ich mir selbst genug und vollständig bin – dann wird mir jemand begegnen, dem es genauso geht.

Und bis es soweit ist, werde ich mich nicht der goldgräberischen Versuchung hingeben, jemanden zu finden, der mir das Gefühl gibt, etwas wert zu sein.
Weil ich das nämlich zuerst von mir selbst denken muss.

Jetzt konzentriere ich mich erst einmal auf furzende Bombardierkäfer.

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13 Gedanken zu “Von schlechtem Kaffee und guter Musik

  1. Enrico Adloff sagt:

    Oh man, du triffst den voll den Kern mit diesem Text. Ich gebe zu, dass ich bisher noch nie einen Text von dir bis zu Ende gelesen habe. Aber das liegt daran, dass ich in einem Text spüren muss, dass ich das Ende brauche oder wissen will. Das hast du heute eindrucksvoll geschafft. Du sprichst mir mit einigen Dingen aus der Seele, wobei ich, glaube ich, nicht allein sein könnte auf Dauer. Musik hilft mir immer wieder bestimmte Situationen, die meist eher doof waren, zu verarbeiten. Das zeigt sich dann auch in der Auswahl der Musikrichtung. Aber ich will dich auch nicht weiter zutexten. Tiefgründiger Text. Mach weiter so.
    Liebe Grüße
    Enrico

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  2. Robert sagt:

    Vom furzenden Käfer,zur tiefgreifenden Erkenntnis.Wer sich selbst nicht liebt,braucht gar nicht zu versuchen,einen Anderen zu lieben.Champagner oder schales Bier.Da fällt die Wahl leicht.Sollte man meinen.Aber der Griff zu RTL scheint immer eine Versuchung.Klasse Post,spricht mich voll an.Danke dafür.

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  3. Hendrik Zietz sagt:

    Toll geschrieben….! Ich habe jetzt 12 deiner Texte in Folge gelesen und so langsam sehe ich lila Punkte auf dem Schirm (oder sind da lila Punkte !??) Jedenfalls mag ich das was zwischen den lila Punkten steht sehr.
    Bei mir liegen mindestens 20 Songs in der Schublade. Und warum liegen die da? Weil ich mit den Texten die ich fabriziere, und ich bin einer der mit Reden sein Geld verdient, nicht zufrieden bin.
    Würdest du dir auch einen Songtext zutrauen?
    Meine Musik, dein Text: und wenn wir Platin kriegen, wird die Kohle geteilt…! Was sagst du?

    PS: Du musst unbedingt die lila Flecken weg machen. Das stört erheblich…

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      1. Hendrik Zietz sagt:

        Perfekt 🙂
        Dann sind wir ja jetzt gefühlt nur noch einen Schritt vom Bambi für unser Lebenswerk entfernt. Wie fangen wir an? Soll ich dir den ersten Hit zum versongtexten schicken?

        Übrigens….danke, dass du die Flecken entfernt hast!
        Peace!

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  4. Lutz Reinhardt sagt:

    Hallo,
    sehr gut geschrieben. Es geht mir ähnlich an den Wochenenden. Durch deinen Zeitungsartikel im Allgemeinen – Anzeiger wurde ich aufmerksam. Deine Worte tun mir gut und ich werde mit Sicherheit noch mehr lesen.
    Alles Gute.
    Lutz

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