Dehnungsschmerz

Oft – bin ich ein Tagträumer.

Häufig schau ich so hoch in den Himmel, dass meine Nasenspitze der höchste Punkt meines Körpers ist. Ich beobachte, wie die Wolken über mir ziehen und stelle mir vor, sie beobachten mich. Wenn ich wieder geradeaus schaue, dann lächle ich. Und oft begegne ich dann Menschen, die auch schmunzeln. Vielleicht, weil sie gerade ihre Nasenspitze in den Wind gehalten haben. Vielleicht auch, weil ich lächle.

Das mag ich.

Manchmal –  bin ich ein Schwarzmaler.

Manchmal schaue ich so tief nach unten, dass ich einen Kompass bräuchte, um mein Herz zu finden. Ich beobachte meine Füße, wie sie einen Schritt nach dem anderen gehen und stelle mir vor, sie würden mich einfach woanders hintragen. Ich will nicht aufschauen. Ich habe Angst Menschen zu begegnen, die mich anlächeln. Vielleicht, weil ich nicht zurückschmunzeln könnte. Vielleicht, weil ich mich dann besonders durchsichtig fühle.

Auch das mag ich.

Beides gehört zu mir. Die Balance zu finden, wird ein lebenslanger Prozess werden. Und das ist absolut ok – weil ich es weiß.

Wie an einem ganz besonderen Rezept probieren wir solange das richtige Verhältnis der Zutaten aus, bis es schlussendlich passt. Balance heißt in dem Fall nicht, dass alles zu gleichen Teilen nebeneinander besteht. Die Zusammensetzung macht die Qualität aus: Welches Gefühl dominiert, wovon soll nur ein Hauch hinein?

Glückslastig, mit einem großzügigen Schuss Leidenschaft und einer Prise Melancholie klingt für mich großartig.

Und deswegen flüchte ich vor den schwarzmalerischen Tagen nicht. Oder den melancholischen. Sie sind mir genauso willkommen wie die tagträumerischen.

Ich mag das Allein-Sein und ich mag es, in Ruhe Dinge wahrnehmen und meine Gedanken sortieren zu können. Für mich ist das eine Form von Freiheit. Ich date mich dann selbst.

Diese Freiheit erlaubt es mir, allein beobachtend am Frühstückstisch in einem Hotel sitzen. Dann denke ich zum Beispiel darüber nach, ob es wohl eine statistische Erhebung gibt, die besagt wie lange ein Partner durchschnittlich länger am Frühstückstisch sitzen bleiben muss, damit der andere schon mal ins Hotelzimmer gehen kann, um in Ruhe sein Morgengeschäft zu verrichten. Das fällt einem ja sonst gar nicht auf, so elementare Sachen.

Und diese Freiheit erlaubt es mir auch, allein bei mir zu Hause zu sitzen und den ganzen Tag ein Lied in Dauerschleife zu hören.
Dann betrinke ich mich an meinen Träumen und bade in Melancholie.
Dann beobachte ich den Sonnenuntergang, der sich in den gegenüberliegenden Fenstern spiegelt.
Ich muss ihn nicht direkt sehen, um ihn genießen zu können. Er ist auch dann noch schön, wenn er in den eingerahmten Scheiben eines anderen Lebens strahlt.
Ich kann Glück auch genießen, wenn es nicht mein eigenes ist. Es fällt doch immer eine kleine Spiegelung auf mich zurück, in seiner orangerot-violetten Schönheit.

Das Dauerschleifenlied hat mittlerweile zum gefühlt 15. Mal seine Runde in meinem Kopf gedreht und doch bekomme ich nicht genug davon. Manchmal reicht ein Lied für einen ganzen Soundtrack.
So, wie sich manchmal ein Text um einen einzigen Satz herum baut.
So, wie sich manchmal ein Leben um einen einzigen Menschen herum baut.
Jemand, der hinter all deine positiven oder negativen Gefühle noch ein Ausrufezeichen setzt.

Manchmal schlagen Menschen ein wie Asteroiden. Und dann sprengen sie die Kruste um dein Herz. Diese Patina, die sich in den schillerndsten Grautönen von anthrazit bis graphit darum gelegt hat. Wir fühlen uns sicher in diesem kleinen Panzer, aber eigentlich kann dein Herz darunter nicht atmen und welkt vor sich hin. Er ist verantwortlich für Zustände wie: Ich brauche Nähe, lass mich allein!

Und dann, mit einer wilden und furchtlosen Urgewalt *BOOOOM* reißt jemand kleine Löcher in diese Mauer.

Tut das weh?
Natürlich!

Oder sagen wir: es ziept! Wie ein Dehnungs- oder Wachstumsschmerz; so fühlt es sich an, wenn so ein Mensch in dein Leben tritt. Mit all´ seinem Chaos und seiner Leichtigkeit, mit all´ seiner Tiefe und Geschichte erweitert er deinen Horizont. Er füllt die leeren Zellen und dehnt deine Seele.

Ja, das kann wehtun. Ein schöner, ein sinnvoller Schmerz.

Und nein, so jemand muss nicht unbedingt die nächste romantische Liebe werden, weil das unabhängig vom Geschlecht ist.  Ich glaube, man kann sich in Menschen verlieben, ohne sich romantisch zu ihnen hingezogen zu fühlen. Man verliebt sich in ihre Art, das Leben zu sehen. Man verliebt sich in ihre Stärke, in ihr Talent, in ihre Güte oder ihre Lebensfreude. Und manchmal auch in ihre Melancholie.

Ich muss es wieder üben, dieses: Hals-über-Kopf. Dieses:  Vom-10-Meter-Turm-Springgefühl. Bang, aber voller Euphorie.

Instinkt ja, Angst nein.

Denn ich glaube, nur wenn man sich öffnet – auch auf die Gefahr hin, neuen Schmerz zu erfahren – kann man auch pure Freude empfinden. Tanzende Schneeflocken sehen. Zu Tränen gerührt sein.

Meine Freiheit allein zu sein, erlaubt es mir, über all´ das nachzudenken und dabei wird eine Frage immer lauter. Sag:

Welche Schmelztemperatur haben eigentlich Herzen?

Ein Gedanke zu “Dehnungsschmerz

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