Im Auge des Sturms

Sieben Jahre.

Sieben verflixte Jahre seit dem größten Sturm meines Lebens.

Sieben Jahre seit dem ruhigsten Moment in seinem Auge.

„Und wenn der Sturm vorbei ist, wirst du dich nicht mehr daran erinnern, wie du durchgekommen bist, wie du es geschafft hast zu überleben. Du wirst nicht einmal sicher sein, ob der Sturm wirklich vorbei ist. Aber eins ist sicher: wenn du aus dem Sturm kommst, wirst du nicht mehr dieselbe Person sein, die hereinkam. Denn darum geht es in diesem Sturm. “ (Haruki Murakami)

Sommer 2010

Mein Schiff befand sich in ruhigem Gewässer. Kein Windhauch zu spüren. Die seefahrertypische Sehnsucht lodert immer mal auf. Gut, dass ich nicht wusste, was sich da am Horizont zusammenbraut. Ich hätte mir diesen Weg nicht zugetraut. Und vielleicht ist das der Trick. Die Nummer mit dem kalten Wasser.

Wir stehen in deiner Küche, wie so oft. Und du sagst die Worte, mit denen alles beginnt:

„Bitte weine jetzt nicht!“

Ich schaute dich an. Du hast mich in meinem Leben schon durch so einige Turbulenzen gehen lassen.

„Ok. Alles klar!“ antworte ich. Weinen war noch nie meine erste Wahl. Halb belustigt, halb neugierig warte ich, was jetzt wohl kommen mag.

„Ich hatte einen Knoten in der Achselhöhle. Ich habe eine Biopsie machen lassen. Es ist Krebs. – bösartig. Alles weitere wird jetzt untersucht.“

Ich schaue dich noch immer an. „Ok. Alles klar!“ antworte ich.
Ich weine nicht. Der Wind frischt auf.

5. Januar 2018

Ich kann es hören, das Meer. Ich musste raus aus der Stadt und es zog mich an einen Ort, den wir beide liebten. Das Meer. Die Ostsee.
Als der Wald sich lichtet und der schmale Strand vor mir auftut, kann ich endlich durchatmen. Der kalte Wind treibt mir die Tränen in die Augen. Nur der Wind. Ich weine nicht. Die Wellen legen sich flach ab, greifen in Richtung Land. Als wollten sie die Steine wieder mitnehmen, die der Sturm ans Land gebracht hat. Aber sie bekommen sie nicht zu fassen.
Die Steine sehen aus wie die, die du mit Mama am Schwarzen Meer gesammelt hast und die ihr in einem Glas in unserem Wohnzimmer aufbewahrt habt. Es fühlt sich heimisch an hier.

Herbst 2010

Die Untersuchungen bestätigten die schlechte Diagnose. Und doch steht dein Befinden dazu im Gegensatz. Wir kommen von einer Lesung, wie so oft, als du sagst:

„Ich müsste doch etwas spüren! Wieso geht es mir so gut? Wo ist er, der Krebs?“
Es war, als hättest du ihn heraus gefordert.

Wenige Tage später die ersten Symptome. Tunnelblick. Als hättest du Scheuklappen rechts und links, die dir die Sicht nehmen. Wir sitzen gemeinsam beim Arzt, der uns aus ernsten Augen ansieht: „Die Behandlung hat nicht angeschlagen. Ein Tumor, im Zentralhirn. Nicht operabel. Wenige Wochen noch, vielleicht nur Tage.“ Der Arzt schaut mich an. Ich schaue dich an. Du schaust aus dem Fenster.
Wir weinen nicht. Der Sturm ist da.

5. Januar 2018

Ich sitze allein im Restaurant, mein Notizbuch vor mir. Der Kellner drapiert alles drum herum. Ich bestelle Matjes und Dorsch. Du hast Fisch geliebt. Ich erinnere mich an die Bilder, die du mir – Single damals – von deinen Allein-an-der-Ostsee-Urlauben per Mail gesendet hast. Ein Sonnenuntergang zum Kindertag. Und an die Rezepte, die du mir geschickt hast. Erdbeer-Tiramisu. Und an die Texte.
Als Michael Jackson damals starb bekam ich die Zeilen:

„…Alle die ihn mit Häme überschüttet haben (auch ich habe manchmal dazugehört) sollten wenigstens heute etwas innehalten.
Vielleicht tritt an die Stelle der Dämonisierungen und Verächtlichmachungen, denen er ausgesetzt war, nun etwas Seltenes: Mitleid mit einem großen, unverstandenen Künstler.
Und er war mein Jahrgang….
Liebe Grüße, Paps“

Im Anhang hattest du Udo Lindenbergs Lied „Jack“. Darin heißt es:

Über den Wolken ist es so schön 
wie in den Bergen der Antarktis 
und weiter geht dein Flug, vorbei an den Planeten 
und du erreichst die Rock ’n Roll-Galaxis 

Spätherbst 2010

Bei einem unserer letzten Ausflüge sitzen wir bei einstelligen Gradzahlen draußen in der Sonne und essen Eis. „Ich bereue nichts!“ sagst du. „Ich hab Fehler gemacht, aber bin immer meinem Herzen gefolgt. Nur ein Enkelkind hätte ich gern noch gehabt.“ Dieser Wunsch wird dir unerfüllt bleiben.

Als ich dich wenige Tage später zur nächsten Untersuchung bringe, brichst du vorm Eingang zusammen. Ich bin stark, aber kann dich nicht halten. Fremde Menschen müssen uns helfen. Ich entscheide auf Anraten der Ärzte für die Verlegung auf die Palliativstation. Du bist wütend auf mich. Ab jetzt nur noch Krankenhauskakao.

Als ich nach Hause fahre, weine ich. Windstärke schmerzhaft.

5. Januar 2018

Ich sitze in meinem Zimmer und schreibe diese Zeilen. Ich höre Musik, erinnere mich und weine. Ich höre Musik, erinnere mich und lächle.
Ich könnte nicht glücklicher sein in diesem Moment. Trotz Krankheit, gebrochenem Herzen und vielen weiteren Ereignissen in den letzten 7 Jahren, sitze ich hier und schreibe. Und kann alle Emotionen zulassen, ohne dass sie mich gefangen nehmen. Ich denke an dich und bin dankbar.

Dezember 2010

Du Sturkopf hast dich noch einmal raus gekämpft. Gehst arbeiten, saugst Leben auf.
Besuchst mich an meinem Geburtstag Zuhause und machst an Weihnachten noch das Essen. Du starker Sturkopf. Diese Beschreibung passt auch zu mir. Nach Weihnachten bekomme ich den Anruf von deinen Kollegen. Ich soll dich abholen. Wieder Palliativ. Wieder sehen wir uns praktisch täglich. Fast den ganzen Tag bin ich bei dir. So wie beim letzten Mal. An einem Tag noch spielen wir Schach.
Am nächsten erkennst du mich nicht mehr.

Ich weine. Plötzlich legt sich der Wind.

5. Januar 2011

Ich bleibe bei dir heute Nacht. Du schläfst fast die ganze Zeit. Es ist still geworden. Schlaf finde ich kaum, immer wieder signalisiert irgendeine Maschine piepend, dass sie noch funktioniert. Wenigstens die.
„Wie schaffst du das?“ war eine der häufigsten Fragen dieser Tage. Ich wusste es nicht. Rückblickend war es wohl so: Der mit voller Wucht tobende Sturm hat sich fast vollständig gelegt. Wir befinden uns im Zentrum. Im Auge. In diesem Mikrokosmos Leben gibt es nur uns. Die Realität scheint ausgesperrt, obwohl sie schwer auf meinen Schultern sitzt. Alle Konzentration liegt auf diesem Nebel zwischen Leben und Tod. Wie oft ich wohl flüsterte: „Du darfst loslassen!“?
Damals habe ich wohl gelernt, selbst los zulassen, was man nicht halten kann. Ich fühle mich wie das Wasser, das am Ostseestrand nach dem Steinen greift, sie aber nicht zu fassen bekommt.

6. Januar 2011 ♥️

Es ist noch einmal Tag geworden. Oma und Opa sind früh dran. Ich habe deine rechte Hand in der meinen. Oma deine linke.
Das Auge des Sturms wird kleiner.
Du atmest tief ein. Ein letztes Mal.

Und der Sturm bricht los.

6. Januar 2018

Sieben Jahre.
Sieben verflixte Jahre seitdem der größte Sturm meines Lebens begann.
War es der letzte? Bei weitem nicht.
Aber alle weiteren wurden von einem orkanerprobten Kapitän durchschifft. Mir selbst.

Was, so frag ich mich, wenn wir alle im Grunde von Sturm zu Sturm wandern.
Was, wenn das Leben dieser Sturm ist? Ein Sturm, in dem sich manche unbewusst immer im ruhigen Zentrum bewegen und andere in den großen Wolkentürmen immer wieder von den Füßen gerissen werden?
Was, wenn das einfach GENAU SO gedacht ist?

Will ich – rückblickend betrachtet – nur im stillen Auge weilen? Nein!
Von ganzem Herzen nein.
Lass die Winde wehen, auch mal heftig stürmen. Lass mein Boot auch mal kentern – ich weiß, das wird es.
Aber ich werde mich am Holz festkrallen, solang es die Kräfte hergeben. Ich werde salziges Tränenwasser schlucken. Ich werde fluchen, hin und wieder zweifeln und manchmal weinen
Aber ich werde nicht aufgeben.
Bis ich wieder an den Strand gespült werde. Und dort werde ich Kraft sammeln und mir ein neues Boot bauen.

Und wenn dann der Sturm wieder kommt, werde ich mit wehenden Haaren, funkelnden Augen und einem kämpferischen Lächeln sagen:

„Hallo alter Freund – auf ein Neues.“

 

 

P.S.: Jeden Tag müssen Menschen ihren ganz persönlichen Stürmen trotzen. Einer berührt mich besonders: Kathrin hat gerade ihren Mann – einen lieben Arbeitskollegen von mir – an diese Krankheit verloren. Bitte helft, wenn ihr könnt: Hilfe für Katrin, Lotta und Emil 

Danke!

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