Kaktuspanzer

„Vielen Dank. Aber das brauche ich nicht!“

Diesen Satz entgegnete mir jemand mit einem freundlichen und zufriedenen Lächeln.

Ich stand an diesem kalten Dezembertag nach Weihnachten an der Haltestelle. Der Fremde suchte Büchsen und Pfandflaschen aus den Mülleimern. Ich hatte 10 € in meiner rechten Manteltasche und dachte unwillkürlich: „Ganz sicher braucht er das mehr als ich.“
Ich trat also an ihn heran, sagte „Entschuldigung?“, um ihn nicht zu erschrecken und hielt ihm den Schein hin. Und er lächelte mich warm an und sagte:

„Vielen Dank. Aber das brauche ich nicht!“.

Da stand ich nun. Irgendwie bedröppelt und irgendwie beschämt, weil ich angenommen hatte, dass dieser Mensch meine Hilfe brauchte. Und außerdem fühlte ich mich an etwas erinnert, nur fiel mir erst in der Bahn ein, an was.

An mich selbst. Ich bin ein typischer Fall von: „Danke, aber Nein Danke.“
Ich habe bei Hilfsangeboten oft einen Kaktuspanzer an, der es schwer macht, an mich ranzukommen. Und der Stachel, es „nicht alleine zu können“, sitzt tief. Damit meine ich:

Ich schaffe das allein. Ich kann das. Ich brauche niemanden.

Und das stimmt wahrscheinlich auch oft. Ich musste mich schon durch genug Sachen durchbeißen, bin nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren und habe über die Jahre hinweg eine vielleicht ungewöhnliche Stärke entwickelt.
Fakt ist aber auch, dass es manchmal mit Hilfe schöner ist.
Fakt ist, dass es mit Unterstützung manchmal auch schneller geht.

Gerade in diesem Jahr war ich häufiger auf Unterstützung angewiesen, als es mir angenehm war. Unangenehm deshalb, weil ich Schwierigkeiten habe mich davon zu befreien, Beistand mit eigenem Versagen gleich zu setzen.

Der Einzelkämpfer in mir glaubt, immer stark sein zu müssen. Und obwohl ich weiß, dass es keine Schwäche ist, Hilfe anzunehmen, wehrt sich ständig alles in mir. Ich weiß, dass es nichts mit Schwäche zu tun hat, weil ich selbst unfassbar gern anderen unter die Arme greife. (Also, im übertragenen Sinn. Nicht wörtlich. Das wäre irgendwie … lassen wir das.)

Dieses Jahr hat mich gelehrt, dass es keine Schande ist, auch mal schwach zu sein. Es spart so viel Kraft, sich auch mal auffangen zu lassen. Und man kann diese Energie nutzen, um noch stärker daraus hervor zu gehen. Außerdem hat es mich noch enger an die Menschen gebunden, die mir dieses Netz beim Sturz hingehalten haben. Besonders meiner Familie, aber auch einzelnen sehr engen Freunden, bei denen ich mich sensibel zeige, bin ich dafür unglaublich dankbar.

Es ist toll Menschen um sich zu haben, die spüren, wenn es einem schlecht geht. Die aufmunternde Worte für einen übrig haben. Und die manchmal, im richtigen Moment, auch einfach ungefragt sagen: „Ich mach das jetzt für dich!“. Auch ein „Du kannst das und du schaffst das!“ ist eine Art Hilfestellung.

Ich habe in diesem Jahr so viel Neues entdeckt und über mich gelernt – und das Wenigste davon wäre ohne Hilfe gegangen.

  • Fallschirmspringen ohne jemanden an mir dran mit Fallschirm? Stell ich mir blöd vor.
  • Domstufen-Festspiele ohne Crew und Regisseur? Wäre schief gegangen.
  • Ein Umzug ohne Hilfe? Möglich aber deutlich kräftezehrender.
  • Ein Hindernislauf ohne dass dich jemand am Pops aus dem Schlammloch schiebt? Nur halb so lustig.
  • All die emotionalen Ereignisse verarbeiten, ohne mit jemandem zu reden, lachen oder schweigen? Unmöglich.

Jeder sehnt sich nach jemandem, dem er wichtig ist.
Auch ich.

Keiner möchte das Gefühl haben, dass sich niemand um ihn kümmern würde.
Auch ich nicht.

Und doch  will man sich trotz allem manchmal selbst beweisen, dass man es schaffen kann. Manchmal muss man sich Dinge erarbeiten, um das Gefühl zu haben, sie zu verdienen. Man unterscheidet sich dadurch auch von Menschen, die ständig das Gefühl haben, mehr zu verdienen als sie bekommen. Ein, wie ich finde, weit verbreitetes Phänomen unter Leuten, denen es im Grunde  gut geht.

Der Pfandsucher will es allein schaffen. Weil es ihn stärkt. Das verstehe ich jetzt.

Während ich so in Gedanken versunken schon aus der Straßenbahn raus und durch die Kaufhalle durch bin, stehe ich nun an der überfüllten Kasse. Vor mir ein Typ in meinem Alter und davor eine alte Dame. Vor ihr auf dem Band eine kleine Dose Linsensuppe und eine Schokolade. Ich stell mir vor, wie sie zu Haus sitzt und nach dem Abendbrot die Schokolade nascht. Allein.
Als die zweite Kasse öffnet, will der junge Mann höflich sein und die Frau vorlassen. Sie entgegnet: „Nein, Danke. Ich hab Zeit! Auf mich wartet niemand“. aber auch sie sagt es mit einem Lächeln.

Nicht jeder, der hilfsbedürftig aussieht, braucht oder will auch tatsächlich Hilfe.
Nicht jeder, der unabhängig und stark wirkt, braucht keine.

Ich werde 2018 auch weiter meine Hand einem jeden reichen, dem ich meine, helfen zu können. Und vielleicht werde ich auch noch öfter eine mir gereichte Hand ergreifen. Und aufpassen, dass sie sich nicht an meinen Kaktusstacheln piekt.

Zusammen ist doch manches leichter.

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14 Gedanken zu “Kaktuspanzer

  1. Jacky sagt:

    Hallo liebes Stadtmädchen. Danke für deine Geschichten, ich sauge deine Zeilen regelrecht auf. Du sprichst aus, was ich denke…Ich wäre zufriedener, wenn ich mich so ausdrücken könnte.
    Mach weiter so und schreibe deine einfühlsamen Geschichten. Die sind irgendwie Balsam für die Seele. Ich wünsche dir ein gesundes neues Jahr 2018 und viele schöne Stunden mit deinen Lieben.

    Gefällt 2 Personen

  2. ellisallinatumble sagt:

    Ich habe gerade deinen Text im „Allgemeinen Anzeiger“ entdeckt und war sofort hin und weg! Bin schon sehr gespannt auf alle Alltagsgeschichten, die ich bisher verpasst habe☺️ Ich werde sie sofort lesen (müssen)! Wirklich großartig😊

    Gefällt 1 Person

  3. BeeKay sagt:

    Du brauchst niemanden.
    Aber es ist schön wenn jemand etwas mit dir teilen möchte.

    Du zeigst deine Stacheln.
    Aus Angst verletzt zu werden.

    Jemand der etwas mit dir teilen will,
    weiss das alles.

    Gefällt 1 Person

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