Jip, die Schneeflocke

Und so trug es sich einst zu, dass am heiligen Abend eine Schneeflocke sanft auf das Fensterbrett fiel. Sie hieß Jip.

Jip seufzte leise, als er sich auf dem Jahrhunderte alten Holz häuslich einrichtete.

„Warum seufzt du?“ kam plötzlich eine Frage wie aus dem Nichts. Jip erschrak, hatte er doch nicht mit Kommunikation gerechnet. Schneeflocken reden im Allgemeinen nicht sehr viel. Die Stille ist ihr Zuhause.
Er blickte auf und sah, dass das Fenster einen Spalt geöffnet war. Auf der anderen Seite des Glases – im Inneren des Hauses – stand eine Kerze. Eine Flamme tanzte an ihrem Docht leicht im Wind, der durch das Fenster hereinkam. Sie war es, die ihn angesprochen hatte und schaute ihn aus warmen Augen an.

Jip war noch nie so nah bei einer Flamme gewesen. Sein Onkel, Wolke Wilko, hatte ihm stets eingetrichtert, dass Feuer lebensgefährlich für ihn wäre. „Komm denen nie zu nahe!“ hörte er ihn noch grollen. Aber Onkel Wilko war weit weg und Jip schon immer neugierig. Er beschloss, mutig zu sein:

„Ich, ähm ….“ begann Jip, „…ich bin traurig!“
„DU?“ fragte die Flamme ungläubig. „Warum bist ausgerechnet DU traurig?“

„Ach weißt du, ich fühle mich einsam und nutzlos. Wir Schneeflocken sind immer so schweigsam. Niemand redet miteinander. Alle warten stumm darauf, dass es kalt genug wird, damit wir vom Himmel fallen können. Dann fallen wir; ich falle – als eine von vielen. Wir legen uns auf Wiesen, Straßen, Berge oder – so wie ich jetzt – Fensterbretter. Und wir nehmen die Stille mit auf die Erde. Nie lädt uns jemand zu sich ein. Niemand will uns bei sich zu Hause haben. Ich wünschte mir so sehr, einmal wirklich berührt zu werden. Aber wenn das passiert, sind meine Sekunden gezählt. Du hingegen bist Teil der Menschen. Sie lieben dich, sie brauchen dich. Als du in ihr Leben kamst, hat sich alles für sie verändert – zum Positiven. Du bist mein Feind und doch bewundere ich dich!“

Jip hatte noch nie so viele Dinge auf einmal gesagt. Sie sprudelten nur so aus ihm heraus. Er wusste nicht, warum er der Unbekannten soviel anvertraute, dabei kannte er noch nicht einmal ihren Namen.
„Ich bin übrigens Jip. Wie heißt du eigentlich?“ fragte er schüchtern.

„Ich bin Fiamma! Entschuldige, dass ich dich einfach so angesprochen habe. Aber ich war noch nie so nah an einer Schneeflocke und musste die Chance ergreifen. Mir wurde immer gesagt, dass ihr gefährlich seid. Eine Einzige von euch könnte mich auslöschen. Aber ich hatte noch nie wirklich Angst im Herzen, ihr habt mich schon immer fasziniert. Deshalb bin ich so überrascht von dem was du sagst.

Du hast Recht, wir sind Teil des Menschenlebens. Aber so sehr sie uns brauchen, so sehr fürchten sie uns. Auch ich werde nie wirklich berührt. Mehr als ein flüchtiger Kuss ist nicht möglich, denn dann verletze ich die Menschen. Sie versuchen uns deshalb klein zu halten und ersetzen uns, wo es nur möglich ist. Vor einigen Jahren noch thronten wir stolz auf den Zweigen der Weihnachtsbäume. Aber wenn wir uns vereinen, können wir zerstörerisch sein. Wir sind manchmal Sklaven unserer Leidenschaft, weißt du?

Ihr jedoch seid so einzigartig. Jede von euch ist ein individuelles kleines Kunstwerk. Die Menschenkinder lieben euch! Und ganz besonders zu Weihnachten wünschen sich die allermeisten Menschen, mit euch feiern zu dürfen. Wenn die Sonne auf euch fällt, glitzert ihr. Und wenn ihr berührt werdet oder die Wärme kommt, dann seid ihr nicht weg. Ihr verändert euch nur. Ihr werdet zu Wasser, was für die Menschen noch sehr viel wichtiger ist, als das Feuer. Ihr seid in allem und seid überall. Und die Stille, die ihr mitbringt, ist oft ein Segen!

Wir werden uns nie berühren können, aber wir können uns respektieren auf dieser Welt. Es war schön, dich kennengelernt zu haben, Jip! Wir werden uns wiedersehen. Irgendwo. Irgendwann.“

Jip wollte noch antworten. Doch just in diesem Moment wurde das Fenster geschlossen und ein Luftzug drang in das warme Zuhause. Fiamma flackerte noch einmal und erlosch dann. Aber nicht ohne Jip noch ein letztes Mal freundlich zuzuzwinkern.

„Mama, Mama!!“ hörte Jip ein Menschenkind aufgeregt rufen „Mama schau, es hat endlich geschneit!“

Jip lächelte. Weil er nun spürte, dass er wichtig war.

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