Vorsicht, schön!

Ich wurde unlängst von einem geschätzten Kollegen als Romantikerin enttarnt.
Einfach entblößt.
Und das auch noch vor mir selbst.

Ich habe mich nie als solche gesehen. Ich brauche nicht täglich einen Strauß Rosen auf dem Tisch oder anhaltende Liebesschwüre. Was ich brauche, ist Begegnung auf Augenhöhe (soweit das bei meiner Größe geht), gegenseitigen Respekt, Verlässlichkeit und vor allem: Humor.

Ja, auch eine von der Wiese gemopste Blume, eine liebevolle Notiz und eine feste Umarmung tun nicht weh, aber – romantisch – ich? Niemals! Romantik ist für mich maximal eine Epoche. Punkt.

„Aber Du glaubst an die Liebe!“ sprach er.

„Natürlich, Liebe ist die Basis allen Lebens!“ antworte ich.

„Ich kann mir nicht vorstellen, was romantischer wäre!“ waren seine Worte, die mich ziemlich verblüfften.

Da saß ich nun, auf der Krämerbrücke, in der Mundlandung, mit sprichwörtlich offenem selbigen.

Weil ich begriff, dass er Recht hatte, wie mit so vielem mehr noch. Ich habe Romantik immer fehl gedeutet als Anhäufung abgedroschener Klischees. Die Horrorversion kommt im Gesamtpaket mit einem Poesie-Vierzeiler, dem obligatorischem Kuschelteddy, in dessen Pfötchenherz „i love you“ steht und dem Essen am Valentinstag. Gemessen an dieser Form wäre ich tatsächlich kein Romantiker.

Ich habe darüber nachgedacht, was meinen Glauben an die Liebe ausmacht und damit „meine“ Romantik.

  • Ich glaube an das Gute im Menschen.
  • Ich nehme Schmerz wahr und Schwäche.
  • Ich bewundere Stärke in eben diesem Moment.
  • Ich genieße es, Menschen in meinem Umfeld glücklich zu wissen und dass ich ganz bewusst dazu beitragen kann.
  • Nichts zu erwarten und dann unerwartet überwältigt zu werden.
  • Sehnsucht.
  • Ein strahlendes Lächeln und Funkeln in den Augen.
  • Aufmerksamkeit.
  • Ein Lied, das mehr ausdrückt, als man mit eigenen Worten sagen kann.
  • In einem ganz bestimmten Moment an jemanden zu denken. Und diesen Moment zu konservieren.
  • Schwäche zeigen.
  • Wärme.

Und vor allem: Authentizität.
Dinge tun, um etwas zu seinem eigenen Vorteil bei dem anderen zu erreichen? Nay!
Dinge tun, einfach um den anderen bedingungslos ein Stück glücklicher zu machen? Yay.

Damit gehen Romantik und Liebe für mich weit über die Beziehungsebene hinaus. Sie sind eine Lebenseinstellung, die man auch mit Freunden und Familie teilen kann.

Bin ich eine Romantikerin! Hell yeah!

Und das bringt leider auch immer Schattenseiten mit sich. Das Leben ist nicht immer nur ein  Gemälde von Caspar David Friedrich, es ist eben auch mal der Ohrverlust von van Gogh im Absinth-Rausch. Will heißen: wer an die Liebe glaubt, der glaubt auch an den Schmerz.

Und gerade diese Eigenschaft lässt uns oft Angst entwickeln. Besonders, wenn wir schon verletzt oder enttäuscht wurden. Wir kombinieren dann ganz automatisch wie ein pawlowscher Hund: Wo sich großes Gefühl anbahnt, ist auch großer Schmerz nicht weit.

Wir konstruieren uns schon alle Worst-Case-Szenarien bis ins kleinste Detail zurecht. Der emotionale Innenarchitekt hat den Raum des Schmerzes bereits bis hin zur Deko durchgeplant, während noch nicht einmal das Fundament steht. Manchmal weiß man nicht einmal, ob es ein Wolkenkratzer oder eine Blockhütte wird.

Ich mag mich täuschen, bin aber ziemlich sicher, dass Frauen das ganz besonders gut können.

Wir sind mit unseren Gedanken im Morgen, mit der Erfahrung im Gestern und mit dem daraus resultierenden blöden Gefühl im Jetzt. Und dann antworten wir auf die Frage: „Was ist los?!“ mit einem schnöden „Nichts!“.

Wie sollten wir auch erklären, dass wir Angst vor etwas haben, dass vielleicht morgen passieren wird? Wie sollten wir auch erklären, dass wir den Gegenüber schon für Dinge verurteilen, die er noch gar nicht gemacht hat? Und im besten Fall nie machen wird?

Dadurch verspannen wir uns und versetzen der ganzen Situation automatisch einen herrlichen Wadenkrampf. Wir geraten in einen Gedankenstrudel, in dem die Schönheit des Momentes zu ertrinken droht. Wir vergiften uns selbst mit Zweifeln am anderen und an uns.
Schätzt derjenige mich, weil ich ich bin? Oder weil ich gerade verfügbar bin?

Ich rede hier nicht von einem berechtigt gefühltem Alarmsignal, wenn man tatsächlich gerade verletzt oder enttäuscht wird. Das ist gesund und sollte nicht ignoriert werden.

Für alles andere: versucht zurück ins Hier und Jetzt zu kommen.

Wirst du verletzt werden? Möglich.
Kannst du das verhindern? Möglich.
Wirst du damit auch alle schönen Momente und Erfahrungen verhindern? Versprochen!
Willst du genau diese Moment und Erfahrungen missen? Hell no!

Und wir wollen auch mal nicht vergessen: Ent-Täuschung kann auch sehr heilsam sein.

Im Grunde brauchst du nur auf eine Sache zu achten:

Macht dir das, was du tust (mal abgesehen von kleinen Momenten) alles in allem Freude? Dann mach genau da weiter. Schau nicht durch die sichere Scheibe nach draußen.

Macht es dir keine Freude, ist es nicht für dich bestimmt.

Ein Gedanke zu “Vorsicht, schön!

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