Samstags auf der Brücke …

Ich schlafe hier auf der Couch.

Franzi hat Recht, man sinkt in sie, wie in eine Umarmung.

Die Menschen, die lachend oder hin und wieder streitend über die Brücke laufen, stören mich nicht sonderlich. Ganz im Gegenteil. Sie geben mir das Gefühl, nicht allein – Teil des Lebens zu sein.

Halb neun werde ich von Baustellengeräuschen geweckt, zwei Häuser weiter wird ein Gerüst abgebaut. Ich hänge das Kopfkissen zum Lüften aus dem kleinen Krämerfenster. Sicher sind des Nachts viele Träume und Gedanken darauf gelandet.

Spontan entschließe ich mich, zur Backstube um die Ecke zu gehen. Dort wird noch von Hand geknetet, von Bäckern in traditioneller Kluft gebacken – im Holzofen. Schon einige Male war ich früher hier, als ich noch in Erfurt lebte.

Erinnerungen schlagen kleine Flammen in meinem Herzen.

Die Auswahl ist klein, aber fein. Roggen- und Weizenbrötchen. In  herzhafter Variante zusätzlich mit Chorizo oder Käse, in süß mit Schokolade und Rosinen. Ich kann mich nur schwer entscheiden.
„Ich nehme von jedem eins!“ höre ich mich sagen. Die Verkäuferin sortiert die Brötchen mit einem Lächeln in zwei verschiedene Tüten und warnt bei der süßen: „Die bitte noch ein wenig offen lassen. Die sind noch warm.“ Wir schauen beide auf ihre mit Schokolade verschmierten Hände und müssen lachen.

Mit der wohlriechenden Tüte gehe ich zurück zu meinem Brückenquartier. Die ersten Besucher schauen neugierig, während ich aufschließe. Vielleicht halten sie mich für eine Künstlerin. Vielleicht für die Putzfrau. Mir ist beides recht – ich hab frische Brötchen.

Auf dem Weg durch die Bohlenstube überlege ich, wie ich meine duftende Errungenschaft am besten vor Franz verstecke. Ich habe ihn zwar gefüttert, bevor ich weg bin, aber er wird mir sicher weismachen wollen, dass er heute noch nichts zu fressen bekommen hat.
Und tatsächlich. Er streicht mir um die Beine und maunzt verzweifelt, als wollte er sagen: „Gut, dass du endlich da bist! Ich bin seit Tagen ohne Futter. Die andere, die hier gerade schläft, hat mir NICHTS gegeben.“

Ich schaue ihn an. Er schaut nach oben. Sein Blick sagt: „Mist. Das ist dieselbe. Ich bin aufgeflogen.“

Ich brühe den Kaffee mit der Herdkanne frisch auf. Der Henkel fehlt bereits, sodass ich einen dicken Topflappen zum Einschenken nehmen muss, damit ich mich nicht verbrenne. Der Duft von frischen Brötchen und arabischen Kaffeegewürz zieht durch die Wohnung. Bisher habe ich das schwarze Lebenselixier mit Honig getrunken. Kaffee mit Honig. Der beste Kaffee, den ich je getrunken habe. B. hat ihn für mich gekocht, mehr als vier Jahre ist das jetzt her.

Erinnerungen schlagen kleine Flammen in meinem Herzen.

Nun ersetzt die orientalische Gewürzmischung den Honig.
Bevor ich frühstücke, schließe ich das Fenster. Der Nachbar von gegenüber schaut auch kurz nach dem Baustellenlärm, sieht mich aber nicht. Er schließt den Flügel, stellt die Vase im Fensterbrett wieder an ihren angestammten Platz zurück und verschwindet in der Stube.

Der Holzschemel knarzt, als ich mich auf ihn setze. Alles hier knarzt. Die Dielen, die Türen. Ich mag es. Es ist ein warmes Geräusch, das sagt: Sei geduldig! Alles kommt zu dem, der warten kann.

Im Wechsel beiße ich ins Brötchen und während ich kaue, schreibe ich mit Füller in mein neues Notizbuch. Ich habe es gekauft, damit ich Geschichten festhalten kann. Manchmal sind sie so flügge wie Träume. Sie hauchen dir einen Kuss auf die Wange und sind schneller verschwunden, als du rot werden kannst.
Franz verscheucht diesen Gedanken indem er frech in mein Brötchen beißt. Ich erwische mich dabei, wie ich schimpfen will: „WILLI! Nein!“

Willi. Dieser orangefarbene Ausnahmekater, der mich davon überzeugt hat, dass ich Katzen vielleicht doch nicht so unausstehlich finde, wie ich immer dachte.

Erinnerungen schlagen kleine Flammen in meinem Herzen.

Gut anderthalb Jahre hast du unseren Alltag erhellt. Als wir dich mit deinen 15 Jahren schließlich von deinen Schmerzen erlösen lassen mussten und du auf der Rückfahrt schwer in meinen Armen lagst, habe ich bitterlich geweint.
Es ist schwer, lieb gewonnene Gewohnheiten los zu lassen.
Erinnerungen aber bleiben und werden immer mal wieder kleine Flammen schlagen.

Ich nippe an meinem gewürzten Kaffee.
Die Brötchen sind abgekühlt. Ich verstecke sie im Ofen.

 

 

Am Samstag find´st du keine Lücke,
auf der vollen Krämerbrücke.
Man sieht´s von oben – das ist der Trick,
durchs Fenster mit dem besten Blick.

Derweil Franz steht – was ich nicht begrüße –
in meiner Tinte – hat blaue Füße.
Wie das Erfurter Waid so blau.
Wer hat, der kann. „Ich kann! Miau!“

 

 

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