Geschichten

Was auf der Brücke passiert, bleibt auf der Brücke.

Franzi ist relativ hektisch, als ich am Donnerstagmorgen 7:20 Uhr auf ihrer Schwelle stehe. Wer wäre das nicht, wenn er nun für vier Wochen in die Sahara geht und dazu noch verschlafen hat.

Trotzdem nimmt sie sich die Zeit, mir die wichtigen Dinge zu erklären. Kater Franz. Die Schlüssel. Das Absperrseil zum Privatbereich. Wo ist was. Donnerstags langer Krämerabend und … „Die Krämerbrücke ist voller Geheimnisse. Sie bleiben hier. Was auf der Brücke passiert, bleibt auf der Brücke.“

Ich teile meine Geschichten und ein paar meiner Geheimnisse mit euch. Traurige und lustige. Nachdenkliche und alberne. Vier Wochen lang …

Es gibt auf der ganzen Welt Millionen von Geschichten, von denen wir das Ende nie erfahren werden. Wie die geöffneten und angelesenen Bücher, die mit aufgeschlagenen Flügeln übereinander auf meinem Nachttisch liegen. Eine Geschichte ist diese:

Hin und wieder flüchte ich mich aus meinem eigenen Alltag in einen fremden. Das Gefühl, jederzeit wieder die Tasche packen und gehen zu können, hat etwas Tröstliches.

Mein aktueller Alltag ist also der Tausch mit Franzi. Nein, nicht mir selbst. Einer realen. Franzi lebt auf der Krämerbrücke, beherbergt Brückenkater Franz und wie eingangs erwähnt, auch viele Geheimnisse. Während sie sich in ein Abenteuer in der Sahara stürzt, stürze ich mich in das Krämerbrückenabenteuer.

Ich liege auf Franzis Couch, in der – wie sie selbst sagt – „schönsten kleinen Wohnung auf dieser Erdkugel“ und lausche dem Stimmengemurmel, das sich über die Krämerbrücke schiebt wie eine sanfte Brandung. Ich höre die Geschichten der Stadtführer, ich schaue auf das grau angestrichene Fachwerk, die Dielen auf dem Boden und den massiven Holzschrank, in dem Franzi ihre Habseligkeiten verwahrt.

Draußen spielt jemand Klarinette. Geschirr klappert.

So viele Jahrhunderte schon existiert dieses Haus, Millionen von Menschen sind an diesen Fenstern vorbei gelaufen. Manche schweigend, manche murmelnd, manche lachend.  Manche nur einmal. Manche immer wieder.

Millionen von Menschen mit Millionen von Geschichten, deren Ende wir niemals erfahren werden.

Ich erkenne die Melodie des Klarinettenspielers und bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob es nicht doch eine Oboe ist. Ich war in der Unterscheidung noch nie sonderlich gut. Bei der Melodie jedoch bin ich mir sicher: „Der Pate“ von Nino Rota. Amüsant irgendwie im so italienisch geprägten Erfurt, mit seinem „Klein Venedig“ und den vielen italienischen Restaurants.

Der Pate. Dieser Begriff hatte für mich auch immer etwas Väterliches.

Der Pate auf der Krämerbrücke, die ich so oft mit meinem Vater überlaufen bin. Er wäre neugierig auf das hier, und ein wenig stolz. Wir hätten über die Geschichte gesprochen und  selbst gemachte Gnocchi mit Salbeibutter gegessen. Wäre da nicht der kalte Januartag des noch jungen 2011 gewesen. Als er seinen letzten Atemzug tat und ich dabei seine Hand hielt.

Noch immer fragen sich die Menschen, warum ich den Schnee nicht mag.

Ich mochte ihn mal.
Damals, in seinen letzten Tagen, gab es unfassbar viel Schnee in Erfurt. So viel, dass zu Weihnachten keine Busse oder Bahnen fuhren. So viel, dass sich fremde Menschen des Nachts auf Parkplätzen gegenseitig anschieben mussten in ihren Autos. Nach dem Feiern in der Thüringenhalle.

Es war sein letztes Weihnachten.

Unglaublich, dass er in seinem Zustand noch das Festessen zubereiten konnte. Unglaublich überhaupt, dass er nach all´ den Wochen auf der Palliativstation, in denen die Ärzte stündlich mit seinem Tod gerechnet hatten, noch einmal zu Hause war.

Er wollte meinen Geburtstag und das Weihnachtsfest nicht im Krankenhaus verbringen. Was er sich in den Kopf gesetzt hatte, brachte er zu Ende. Bis sich etwas in seinen Kopf setzte, was ihm das Ende brachte. Woher ich meinen Sturkopf hab? Von ihm.

Noch immer fragen mich die Menschen, warum ich keinen Schnee mag.

Weil er vom Ende kündet. Deshalb. Er nimmt all´ die Farbe und all´ die Geräusche in sich auf. Er ist friedlich. Aber erzählt von Geschichten, die plötzlich endeten.

Er hatte einen letzten Sommer, die Diagnose kam in dessen schönsten Tagen.

Er hatte einen letzten Herbst. Einen Herbst, in dem für mich die deutsche Sprache ihre Schönheit verlor. Erstickt von zu emotionslosen medizinischen Begriffen, mit denen ich mich auseinander setzen musste.

Er hatte einen letzten Winter. Mit massenhaft weißen Flocken.

Noch immer fragen sich die Menschen, warum ich den Schnee nicht mag.

Noch immer spielt der Klarinettenoboist „Der Pate“. Oder besser: schon wieder. Vielleicht kann er nur dieses eine Lied. Oder er ist sich bewusst, dass das Leben vorbei fließt, wie das Wasser unter dieser Brücke und die Menschen auf ihr. Die wenigsten werden in der kurzen Zeit noch einmal an ihm vorbei kommen und bemerken, dass er nur dieses eine Lied spielt.

Bewegung ist Leben. Und keine Geschichte ist unendlich.

Selbst, wenn uns das Ende unbekannt bleibt.

2 Gedanken zu “Geschichten

  1. Inselkind38 sagt:

    Es ist Samstag und ich trinke einen Kaffee im überfüllten Erfurter IKEA. Menschen verbreiten Hektik mit ihrem Geklapper und Geklirre. Ich lese deinen Eintrag und plötzlich wird alles in mir still. Er ist so schön geschrieben und traurig zugleich. Trotzdem strahlt er Wärme und Ruhe aus. Danke dafür.

    Gefällt 1 Person

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