Herbstsommer

Mir ist kalt.

Wenn mir kalt ist, bin ich nicht kreativ. Zu warm macht nichts. Aber Kälte verhält sich zur meiner Kreativität direkt umgekehrt proportional.

Meine rechte Gehirnhälfte schaut dann eigentlich nur noch bockig und sagt – ihr ahnt es –

„Mir ist kalt.“

Also schnappe ich mir eine dicke Weste und eine Jacke und setze mich in die windige Herbstsonne in Mayas Garten. Maya ist Tessinerin. Ihr Garten versteckt vor Blicken hinter ihrem kleinen Rustico, in dessen Erdgeschoss ich mich für zwei Nächte eingemietet habe.

Es ist umringt von Bäumen und  – wie es sich für Rustici im Tessin gehört – Stein auf Stein in einen Hang gebaut, bedeckt mit großen Granitplatten. Das gute an so vielen Bäumen ist: man hört schon 10 Sekunden eher am lauter werdenden Gemurmel der Blätter, dass gleich ein Windstoß durch huscht und kann sich schon mal wappnen. Schultern hochziehen, Nase im flauschigen Kragen verstecken.

Herbstsonne.

Die Herbstsonne ist für mich die Großmutter unter den Jahreszeiten-Sonnen. Nicht mehr heißblütig, aber von einer sanften Wärme. Das Licht, das sie auf uns wirft, ist von einem besonderen, goldenen Leuchten. Es verlangt nichts, drängt sich nicht auf. Ihre Kraft ist nicht mehr so enorm, aber sie streichelt dir über das Gesicht und schenkt dir eine ganz eigene Ruhe und Wärme. Sobald sie von Wolken verdeckt oder untergegangen ist, wird es empfindlich kühl.

Die Decke über meinen Beinen und der warme Laptop auf meinen Knien lassen mich verharren. Ich bemerke, dass es einen Unterschied gibt, ob ich mit einem Stift oder dem Laptop schreibe. Bei letzterem schreibe ich einfach drauf los und störe mich nicht daran, auch mal mitten im Satz zu stoppen. Inne zu halten und den blinkenden Cursor anzuschauen, der wie ein neugieriger Hund darauf wartet, dass man ihm das nächste Stöckchen zuwirft.

Schreibe ich meine Gedanken direkt auf Papier, starte ich erst, wenn ich weiß wie der Satz enden wird – wenn ich ihn schon vollständig im Kopf habe.

Was macht das mit meinen Gedanken? Sind meine Tintentexte durchdachter? Strukturierter? Würde dieser Text anders weitergehen, wenn ich ihn von Hand geschrieben hätte?

Ich schaue zur gegenüberliegenden Gipfelkette, die in unterschiedlichen Blau- und Grautönen nur noch ihre Umrisse zeigt.
Hätte, würde, könnte. Wie viele Taten wohl schon an diesen Wegweisern auf dem Pfad des Herumlamentierens gescheitert sind?

Ich würde gern mal wieder ein paar Tage raus aus dem Alltag. Ich könnte mir eine kleine Hütte mieten … und am Ende war es wieder nur ein „Ach Mensch hätte ich mal.“ Darüber hab ich schon in „Hätte, hätte, Marionette“ so viele Gedanken verloren, oder besser: befreit. Verloren sind sie ja nicht, wenn sie jemand liest. Sie ziehen dann nur in einen anderen Kopf um.

Diesmal also ein „Habe, werde, kann!“. Ich HABE mir spontan eine kleine Wohnung gemietet, im vorab beschriebenen Kanton der Schweiz, über AirBnB. Ich WERDE morgen in meine Wanderschuhe schlüpfen und viiele viele Gedanken frei lassen. Und ich KANN solang auf Facebook und Co. verzichten. Das mache ich bereits seit heute Morgen. Roaming aus – Leben an.

Und nun sitze ich hier – mittlerweile wieder drin. An dem runden Tisch mit der bunten Decke und dem bunten Herbststrauß auf dem Tisch.

bunte Begrüßung

Ich trinke ein Glas Schweizer Rotwein (Chanteuvieux  – eine Assemblage roter Rebsorten mit Noten von Himbeeren und Walderdbeeren. Am Gaumen seidige Tannine und mit einer beeindruckenden Fülle. So verspricht es das Etikett. Uh la la.) und nasche Schweizer Käse. In meinem Magen macht es sich bereits eine Minestrone gemütlich, die ich vorhin gekauft und auf einer der zwei Kochplatten im Zimmer warm gemacht habe. (Geht ganz schön ab, der Koenig 2200. Hätte ich nicht erwartet.) Hinter mir knackt leise der Radiator und macht´s warm.

Da war es wieder. Warm.

Warme Suppe, warmer Raum. Sonst nicht viel Klimbim. Kein Fernseher. Keine Spülmaschine. Kein WLan. Trotzdem warmes Herz und die Finger fliegen über die Tastatur.

Das lässt sich bei mir auf sämtliche Lebensbereiche übertragen.

Beispiel: Ich brauche bei den Menschen, mit denen ich mein Leben teile, kein Schickimicki. Kein dickes Konto, nicht das schnellste Auto oder Urlaub in der Karibik. Was ich brauche, ist Wärme. Dann funktioniere ich wie ein kleines, präzises (wenn auch wahrscheinlich mit Einflüssen des verrückten Uhrmachers gefertigtes) Uhrwerk. (Autorin nimmt ein Schluck Rotwein und zieht ihn leicht durch die Zähne. Stellt das Glas wieder ab. Da war er, der Uhrmacher.)

Ich höre den Wind draußen und sehe die Sonne immer goldener in den Raum scheinen. Auf die Hochebene, auf der ich heute schlafen werde. Ein Matratzenlager von vier Meter Breite und zweieinhalb Meter Länge. Mit Blick auf die Berge, hinter denen die Sonne in wenigen Minuten verschwinden wird.

Draußen im Garten scheint sie durch die Kastanienblätter und  beleuchtet eine der vielen kleinen Sitzgelegenheiten in diesem wildidyllischen kleinen Paradies. Der Wind fährt durch das Klangspiel. Das und die Tasten unter meinen Fingern sind die einzigen Geräusche die ich wahrnehme. Und es ist maximal schön, gerade wegen des Minimalismus. Ich kann es euch mit Worten beschreiben und auch Fotos machen. Und trotzdem werde ich euch die ganze Fülle dieser Momente nie 1:1 nah bringen können.

Weil zum Empfinden von Schönheit mehr gehört, als nur passende Worte und ein optischer Abklatsch in 2D.

Dazu gehört das Grundgefühl in dem du bist. All die kleinen Geschehnisse, die bis hierher geführt haben. Dazu gehören deine Geschichte und deine Gedanken für die Zukunft. Und das, was dir dieser Moment an Kraft oder Ruhe oder Motivation gibt, ist auch damit verknüpft.

Wenn ich dir also ein Bild zeige von diesem Ausblick, wirst du nicht die Herbstsonne spüren, die mein Gesicht gewärmt hat. Du wirst nicht das Rascheln der Eidechsen hören, die durchs Laub flitzen. Du wirst nicht meine Geschichte kennen, die mich hierher geführt hat und nicht die Ruhe in meinem Herzen empfinden. Du wirst immer nur einen kleinen Ausschnitt sehen.

Du kannst ihn dir nur anschauen und sagst vielleicht: „der weiße Plastikständer vom Sonnenschirm, der passt jetzt aber nicht ins Bild.“ Während er mir vielleicht nicht einmal aufgefallen ist. Und selbst wenn, hat er mir den Moment nicht nehmen können, weil all das drum herum sehr viel stärker war.

Und so, wie du die Schönheit eines Augenblicks nicht festhalten und beschreiben kannst, so wird dir das auch mit einem Menschen nicht möglich sein. Was dir dieser Mensch gibt und was du in ihm siehst, trägt entscheidend dazu bei, dass du ihn schön findest und liebst.
Und da können tausend Stimmen von außen kommen die sagen: „Aber er hat unreine Haut!“ „Sie hat einen dicken Hintern!“ „Seine Haare sind aber auch nicht so dicht gewachsen!“ oder weniger optisch „Sie hat dich so sehr verletzt!“
Und damit können tausend Stimmen sogar Recht haben. Aber sie fühlen eben nicht die Wärme, sehen nicht das Licht, hören nicht das Schlagen deines Herzens. Kennen deine Geschichte nicht und all´ die Umstände.

Deshalb; lass´ dich nicht beirren und halte dich nicht mit Erklärungen auf. Wenn dieser Mensch dir die Wärme gibt, die du zum Funktionieren brauchst, dann verwende deine Energie nicht auf Begründungen, die ohnehin ins Leere laufen. Verwende die Energie, um es demjenigen genauso warm zu machen.

Hier ist die Sonne nun untergegangen. Ihr Abschied war nicht in zwei Minuten erledigt, er hat sich gezogen. Und gerade wenn man denkt „das war´s“, kommt noch ein wärmeres Orange und das Rot wird noch intensiver.

Wäre ich schon beim ersten zarten gelb gegangen, hätte ich das ganze Farbenspiel verpasst.

Ja, es ist ein Abschied. Aber wer von euch liebt sie nicht genau deshalb so besonders? In all ihrer Dramatik und Schönheit sind sie manchmal genau deshalb so schön anzusehen.

Dieser Tag geht. Aber ein neuer wird kommen …
In diesem Herbstsommer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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