Zwischen Standing Ovations und Reklamation

Wochenaufgabe: hören, denken, schreiben

Zu viele Wünsche, zu wenig Zeit. Die chronische Aufschieberitis ist verantwortlich dafür, dass wir ganz viel machen wollen, aber am Ende eines Lebens nur „ganz viel gemacht haben wollten“.

Jedes Jahre denke ich: Ui toll, die Sonnenblumen blühen bald wieder. Dieses Jahr mache ich aber wirklich ein Foto. Das nächste Mal, wenn ich daran denke, ist der Moment, in dem ich sie verblüht stehen sehe.

Jedes Jahr denke ich: Nach der Arbeit fahre ich in diesem Sommer auf jeden Fall an den See und schwimm´ eine Runde. Und dann sehe ich die ersten Laubblätter fallen.

Jedes Jahr denke ich: Die Holunderbeeren an unsere Büschen, die muss ich unbedingt zu was Tollem verarbeiten. Und „plötzlich“ sind sie nicht mehr da.

Jedes Jahr denke ich: Nächstes Jahr dann aber!

Als wäre unser Sommer nur 5 Minuten lang.

Und so verstauen wir die Pläne im Gefrierschrank – für später – und vergessen dabei, dass wir aus der „einfrieren und auftauen“-Generation langsam rauswachsen. Wir sind die „einfrieren, vergessen und dann wegschmeißen“-Generation.

Weil unsere Pläne, wenn wir unser Leben bewusst (oder auch gezwungenermaßen) mal wieder abtauen, an Geschmack verloren haben. Der Gefrierbrand hat sich ausgetobt, und alles würde fad schmecken. Wie eben nicht erfüllte kleine Träume und Pläne schmecken. Fad mit einem leichten Nachgeschmack von Wehmut.

Ähnlich geht es mir mit Worten. So viele möchte ich aufschreiben, sagen, ihnen Leben schenken. Möchte die Subjekte, Prädikate und Objekte dieser Welt in immer neuen Konstellationen in einen Topf werfen und schauen, was für eine Suppe dabei herauskommt. Ohne Rezept, nur mit den saisonalen Zutaten. Mal Wut, mal Freude, Nachdenklichkeit oder Witz. Und viel zu oft lege ich sie dann ins Eisfach und dort bekommen sie einen Frostschaden.

Die Worte gefrieren, wie mein Mut, einfach raus zu schreiben, was gerade in mir vorgeht.

Deshalb habe ich mir für diese Woche eine kleine Aufgabe gestellt.

Ich werde jeden Tag, wenn ich mich in mein Auto setze und das Radio anmache, auf die ersten Worte des ersten Liedes hören. Und darüber werde ich meine Gedanken noch am selben Tag in Worte fassen; völlig unerheblich, ob ich das Genre mag oder das Lied kenne. Dabei werde ich versuchen, mich vom Kontext des Liedes unabhängig zu machen und nur den isolierten Satz zu sehen. Das soll mir dabei helfen, die Schreib-Hemmschwelle zu überwinden und die Gedankenmaschine ein wenig ankurbeln.

Das Experiment versuche ich bis einschließlich Sonntag täglich umzusetzen. Ich bin gespannt ob ich – jemand der gern Dinge ins Eisfach legt – das durchziehe.

Die ersten Worte heute stammten aus einem Lied von Alexa Feser, aus ihrem Song „Leben“: „Zwischen Standing Ovations und Reklamation“

Mein erster Gedanke: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Etwas, das wohl jeder in seinem Leben durchmacht – mal mehr, mal weniger intensiv. Es gibt Phasen, in denen alles bestens läuft und Phasen, in denen vermeintlich einfach alles schief läuft.
Ist das wirklich so? Oder gibt uns eine gute Phase im Leben so viel Auftrieb, dass wir die kleinen Rückschläge besser ertragen? Und sind die schlechten Phasen manchmal so kräftezehrend, das wir das Positive nicht mehr sehen (können)?

Es ist nie nur schwarz und weiß. Ich glaube, es kommt auf die Resilienz des einzelnen an, wie er die einzelnen Phasen aufnimmt – oder an sich abprallen lässt. Sicher gibt es Einzelfälle, in denen alles auf einmal zu kommen scheint. Aber auch dann ist es eine Frage der Widerstandsfähigkeit des Betroffenen oder wie sein Reizfilter arbeitet. Der typische Fall von: „Ist das Glas halb voll, oder ist es halb leer?“ Optimist vs. Pessimist.

Uns allen ist klar, dass jedes Glas irgendwann leer sein wird. Der Optimist kann das verdrängen, der Pessimist nicht.
Ich möchte dieser Diskussion am liebsten entgehen und schlicht nachschenken.
Prost! Aufs Leben!
Sehr wahrscheinlich ist der Pessimist dem Realist sogar näher. Aber eindeutig leichter lebt es sich mit einer kleinen Portion Optimismus hier und da.

Natürlich steht dies nie für sich allein, sondern ist immer auch beeinflusst von Erziehung und Erfahrung – mentale Gesundheit ist keine Entscheidung.

 „Zwischen Standing Ovations und Reklamation“

Ich kann also in manchen Fällen vielleicht einfach versuchen, der Situation zu applaudieren, statt mich über sie zu beschweren.

Ein Beispiel: Wenn ich – wie am Wochenende – im Stau stehe, dann könnte ich nach vorne starren und mich ärgern. Oder ich könnte das Fenster öffnen, dem kleinen Mädchen zwei Spuren neben mir zurück winken und zu LL Cool Js  „Doin´ it“ kopfnicken, das die Jungs nebenan voll aufgedreht haben. In beiden Fällen wird sich der Stau nicht schneller auflösen – aber in einem Fall wird er mir auch etwas geben.

Alles in allem heißt das wohl: dankbar sein, für das was man hat und sich nicht nur nach dem sehnen, was man nicht hat. Dankbar sein macht zufrieden.

Es heißt aber auch: Loslassen und Abschied nehmen, wenn etwas vorbei ist. Wenn alle Applause verstummt sind und die Bühne leer, dann bringt es nichts, im Sessel sitzen zu bleiben. Auch dann kann man dankbar sein, für das schöne Stück, das man gesehen hat. Aber man schließt ab.

Und Bühne und Applaus führt mich auch zu einem ganz aktuellen eigenen Thema: Ich weiß nun auch, wie es sich reell und profan anfühlt, zwischen „Zwischen Standing Ovations und Reklamation“ zu sein.
Als Statist bei den Domstufen-Festspielen spiele ich keine entscheidende Rolle. Aber ich weiß um all die Stunden an Training, die ungezählten Tropfen Schweiß und manchmal auch Tränen, die bis zum finalen Gang auf die Bühne notwendig sind. Ich weiß, wie viele Menschen ihre Zeit, ihre Mühe, Leidenschaft und Ideen dafür einbringen, um das Stück gelingen zu lassen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf der Bühne zu stehen und Applaus zu bekommen. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn das ein „Schreiberling“ (so wie ich einer bin) aburteilt mit „Das war das Langweiligste, was ich je gesehen habe.“

Aber – und das ist das wichtigste – ich weiß auch, wie es sich anfühlt, am nächsten Tag TROTZDEM wieder auf die Bühne zu gehen und sein Bestes zu geben. Denn, es gefällt vielleicht nicht allen, was man macht; macht man es aber mit Hingabe dann gibt es immer jemanden, der das schätzt.

Und für diejenigen darf man dankbar sein.

Hier noch der Link zum Lied:

 

 

 

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2 Gedanken zu “Zwischen Standing Ovations und Reklamation

  1. Tim. sagt:

    Die erste Liedzeile, die mir so gleich ins Ohr sprang, während ich deinen Text las, war vom alten Enno: wenn man die Augen zu macht, klingt der Regen wie Applaus.

    Tolle Challenge, angesichts der hiesigen Radiolandschaft könnte das wirklich schwierig werden, ich bin gespannt!

    Gefällt 1 Person

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