Hätte, hätte – Marionette

Basis, Basilikum, Basilisk, Bla Bla Bla  – ich hab Wortsalat im Kopf. Seit Wochen schon …

Wortsalat im Kopf und eine komplizierte Verknotung in der Seele.

Ich bin ohne Navi und mit einem aus Zeitmangel halbherzig geflicktem Vehikel auf der Autobahn des Lebens unterwegs – dafür mit Vollgas. Das macht Laune, ich mag die Geschwindigkeit, den Nervenkitzel. Ich mag all die Bilder, die an mir vorbeifliegen – ich hab sie gesehen aber muss sie nicht wirklich betrachten. Prima.

Immer schön weiter aufs Gas, ich weiß zwar noch nicht wohin, aber egal. Ich ignoriere die Signale meines Körper: dass ich mal etwas essen müsste, eine volle Blase habe und überhaupt mal eine Pause doch irgendwie schön wäre.

Das funktioniert eine Weile ganz gut, bis plötzlich das Auto anfängt zu stottern und liegen bleibt. Tanken wäre eine gute Idee gewesen. Das fällt einem leider erst ein, wenn man dann auf dem Seitenstreifen steht. Und im besten Fall mitten in der Nacht, bei strömendem Regen, ohne Essen und Trinken und einem leeren Handyakku. „Hätteste mal eher … „ denkt man dann so bei sich, während man die hässliche Leitplanke anstarrt.

Ja, hätteste mal.

Auf dieses „hätteste“ will ich nicht warten. Denn bei diesem „hätteste“ war ich schon einmal.

Um die Kurve zum Eingangssatz zu bekommen: ich merke, dass ich kurz vorm „hätteste“ bin. Ich mache viel zu viele Dinge auf einmal, jongliere fröhlich und freu mich über jeden neuen Ball, der mir zugeworfen wird. Macht ja auch Spaß und jeder ist irgendwie schön und bunt auf seine Weise. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem ein Ball zu viel ist, die aus irgendeinem unerfindlichen Grund bis dahin funktionierende Jonglage stört und alles herunterfällt. Manche Bälle gehen kaputt, manche rollen unwiederbringlich unter die Couch und wieder andere bekommen eine Delle.

Ich jongliere im Grenzbereich. Aufgefallen ist mir das an meinem Basilikum. Ja, Basilikum.

In schöner Stadtmenschtradition kauf ich mir regelmäßig einen saftig-grünen, duftenden, buschigen Basilikum-Kräutertopf in der Gemüseabteilung meines Vertrauens (da wo die eingeschweißten Gurken liegen). Zuhause kommt er auf die Fensterbank, oder auf die Arbeitsplatte oder vielleicht sogar in einen größeren Topf. Dann macht man einmal Tomate-Mozarella damit. Dann wird er gegossen, viel oder wenig, mit Dünger oder ohne. Und dann geht er ein. IMMER!

Ich habe an mir gezweifelt, Bücher gewälzt, schlaflose Nächte verbracht. Bis ich letztens den ultimativen Hinweis aufgeschnappt habe: Vereinzeln.

Der Basilikum geht nicht ein, weil ich einen schwarzen Daumen habe, sondern weil auf engstem Raum viel zu viele Einzelpflanzen zusammengepfercht um ihre Lebenselixiere kämpfen müssen: Nährstoffe, Wasser, Sonnenlicht. Ergo: vorsichtig aus ihrem Gefängnis befreien, trennen und zu zweit oder dritt in ein eigenes Töpfchen umziehen lassen.

Ich habe 30 (!) einzelne Basilikumpflanzen aus dem buschigen Supermarktkräutertopf extrahiert. Davon sind einige in den Blumenkübel gekommen und einige in Hängetöpfe. Das ist jetzt 6 Wochen her. Und die in den Hängetöpfen leben noch. (Die in den Blumenkübeln HÄTTEN auch überlebt, wenn nicht eine kleine Wildkatze unser Grundstück zu ihrem Revier erklärt hätte und regelmäßig zum abknabbern vorbei geschaut hätte. Ich vermute italienische Wurzeln.)

Was mir das klar gemacht hat?

Wenn du versuchst, zu viele Dinge gleichzeitig zu machen, all deine Hobbies/Aufgaben/Pflichten auf engstem Zeitraum pflanzt, dann wird dir über kurz oder lang die Energie ausgehen.

Grundsätzlich verstehe ich die Angst, in Konjunktiven gefangen zu sein. Um sich am Ende nicht sagen zu müssen: „Ach wäre ich – ach hätte ich mal…“ glauben wir JEDE Chance ergreifen zu müssen, die sich uns bietet. Und landen am Ende doch trotzdem wieder im „Hätteste“. Der Trick ist die Selektion, das Vereinzeln. Und auch mal ein Mut zum „Nein“.

Dafür muss man auf sein Gefühl hören, sich selbst vertrauen. Leider verlernen wir das im Alltag viel zu oft und lassen nur noch den Verstand und das Pflichtgefühl regieren. Fakt ist, der Verstand hat mich schon oft enttäuscht, mein Gefühl noch nie. Letzteres hat mir zwar schon häufiger schmerzhafte Momente eingebracht, die waren aber notwendig, um mich an den jetzigen Punkt zu bringen. Ich bremse jetzt rechtzeitig vorm „hätteste“.

Ich selektiere:

  • Was MUSS getan werden (Arbeit, Pipi, Tanken …)
  • Was WILL ich aus tiefstem Herzen tun (Theaterstatist, Traurede, Sport …)
  • Was KANN auch warten (Blog, Wäsche bügeln, Unterlagen sortieren …)
  • Was DARF gestrichen werden (alles was nicht unter die oberen drei fällt)

Der Effekt: ich mache immer noch unglaublich viel, genieße jedes einzelne Erlebnis und ruhe in mir. Zumindest meistens. Auch ich bin noch im Lernprozess und merke, dass ich ab und an noch zu nah an meine Grenzen komme.

Dann nehme ich mir Auszeiten, um mich wieder zu finden. Um vom Stopfbasilikum wieder zur Basis zu finden und nicht zum Basilisken zu werden – einem Mischwesen aus Hahn, Schlange und wer weiß was noch. Mit versteinerndem Blick und tödlichem Atem. Das braucht doch wirklich keiner!

Meine schönste Auszeit bisher hatte ich im Mai. Mit meiner Anja von Hellbunt Fotografie bin ich für 4 Tage nach Palma geflüchtet. Eine kleine, mallorquinische Ferienwohnung mitten im Zentrum. Keine festen Essenszeiten, keine Pläne, keine Termine außer dem Abflug. Jeden Tag haben wir einfach gemacht, wonach uns der Sinn stand. Haben gelacht, geredet, reflektiert, geschwiegen, Schokolade gegessen und entschleunigt. Es waren die schönsten Tage seit langem und ich zehre noch heute davon.

Es gab kein „hätteste“. Nicht ein einziges.

Schnuten

 

 

 

3 Gedanken zu “Hätte, hätte – Marionette

  1. Simone Hartung sagt:

    Hallo, du liebe!
    Warum geht es mir gerade so,wie du es hier beschreibst. Auch ich erwische mich schon wieder , viel zu vieles viel zu genau zu nehmen und merke dabei, das ich garnicht die kraft dafür habe. Ich werde also auch an das basilikumtöpfchen denken. Und ja so ein paar tage mit der besten freundin, sind echt toll. Habe ich mit meiner ilona im mai auch gemacht,und es war soooooo schön.
    Lass dich knuddeln und alles liebe von mir. Deine simone

    Gefällt 1 Person

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