Im Staub der Blüte …

Dieser Duft.
Süßlich, lockend, flirrend schwebt er in der Luft.

Diese Schönheit.
Zart, pastellig und doch so präsent.

Es blüht! Der Frühling ist da. Gestern bin ich zum Auto gelaufen, in Gedanken zur Hälfte im geschehenen Tag und zur anderen Hälfte bereits im nächsten.

Plötzlich dieses Aroma.

Unwillkürlich schließe ich die Augen und atme tief ein.
Alle Gedanken sind pausiert, bis auf einen: „Dieser Duft!“.

Ich öffne die Augen, suchend nach dem Auslöser und sehe ihn direkt vor mir. Ich habe an einem Kirschbaum geparkt. Am Morgen bin ich unbemerkt daran vorbeigelaufen, aber getränkt von der Sonne entwickelt er eine olfaktorische Kraft, die man nicht ignorieren kann.

Der nächste Gedanke: „Diese Schönheit“.

Eine einzelne Blüte so winzig, so zart. In Gesellschaft all ihrer Brüder und Schwestern so prachtvoll, so stark. Fast unwirklich. Und so kurzlebig, dass wir sie oft nicht wahrnehmen, ehe sie wieder verschwindet. Ehe sie dem Kreislauf des Lebens folgt und vielleicht eine Frucht wird. Nur wenige Tage bleibt sie und erstrahlt in all ihrer Fülle. Und verführt duftend zum Innehalten.

Für mich fühlt es sich stets so an, als würde der Winter schleichend kommen. Das Laub fällt ebenso langsam wie die Temperaturen, die Farbe entweicht in den Süden und es wird grau, bis schlussendlich der erste Schnee in den Wolken geboren wird.

Der Frühling jedoch kommt gefühlt immer mit einem PÄNG.
Tadaaaaa: HIER. BIN. ICH.
Schau mich an, wie wunderschön ich bin. Riech´ mal wie ich dufte. Ich bin die flyste aller Jahreszeiten.
Ein bisschen wie Elvis in seinen besten Zeiten. Plötzlich da wie ein Paukenschlag, alle sind hin und weg – und besonders die weibliche Frierkatzen-Fraktion kreischt und wirft die Schlüppis auf die imaginäre Wetterbühne. Frühling rockt.

Dieser Duft.
Ich starre die Kirschblüte an.

Die weißen Blütenblätter: Kronblätter. Krone. Königlich.

Die kleinen Staubblätter mit dem gelben Köpfchen: in der Mehrzahl Stamina genannt. Gleichbedeutend ist dieses Wort mit Ausdauer. Mit der Widerstandsfähigkeit des Organismus gegen Belastungen.

Die Narbe: elementar für die Bestäubung. Auch Blüten haben Narben, kommt es mir in den Sinn.

So ein zartes Gebilde. Und doch vereint es alles in sich, was auch uns Menschen ausmachen sollte.
Unsere Krone – den Stolz  – nicht zu verlieren. Auch wenn wir scheitern.
Durchzuhalten.
Und unsere Fehler und Narben zu akzeptieren. In dieser Gesamtheit sind wir dann perfekt. Jeder von uns. Und wir duften. Und sind wunderschön.

Irgendwie hab ich wohl einen Faible für Japan, denn nach Kintsugi rührt mich auch die dortige Bedeutung der Kirschblüte, die man zusammenfassen kann als:

„Mono no aware“ 物の哀れ
Die  Wertschätzung der vergänglichen Schönheit der Natur.

Sie blüht. Sie vergeht.
Sie gilt als Inbegriff der der vollkommenen, aber auch der begrenzten und zerbrechlichen Schönheit. Als Zeichen des Aufbruchs. Die Japaner feiern diese besondere Zeit bereits seit Jahrhunderten mit einem Fest. Dem Hanami Kirschblütenfest. Wenn das Land in rosa und weiße Blüten getaucht ist und den Frühling einläutet.

Japanische Kirschblüte (Quelle Pixabay/Kapa65)

Wer es so bald nicht bis nach Japan schafft, kann Bad Langensalza einen Besuch abstatten. Auch dort wird am 22. April im Japanischen Garten „Hanami“ gefeiert.

Vielleicht könnt ihr bis dahin auch das traditionelle Lied über die Kirschblüte: „Sakura Sakura“ (Nein, NICHT Shakira, Shakira!)

Sakura, Sakura,
in den Feldern und Hügeln und den Dörfern.
So weit das Auge reicht.
Wie Nebel, wie Wolken.
Leuchtend in der aufgehenden Sonne.

Sakura, Sakura.
Die Blütezeit.

Sakura, Sakura.
Der Frühlingshimmel

So weit das Auge reicht.
Wie Nebel, wie Wolken.
Der Duft und die Farben,
gehen wir, gehen wir
uns am Anblick erfreuen.

 

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Im Staub der Blüte …

  1. Simone Hartung sagt:

    Liebe Franzi! Ja der Frühling ist etwas ganz besonderes, er hat so eine Kraft. Frisches Grün schiebt altes Laub hinweg und erstrahlt und verzaubert uns. Die Blütenblätter regnen auf uns zart herab und der Duft betört uns. Daraus können wir wieder viel Kraft zum Leben finden und die Tücken des Alltages vergessen.
    Danke wieder für deinen schönen Text, meine Gedanken sind stets bei dir.
    Auf das die Sonne für uns alle scheint.
    Herzlichst deine Simone

    Gefällt 1 Person

  2. Andreas Müller sagt:

    Hallo Franzi, sehr schön geschrieben 😊und du hast sowas von Recht -der Frühling ist etwas Einmaliges sehr Besonderes ,dieses Grün diese traumhaften Farben,Düfte und Eindrücke.Jeder Mensch sollte ,wenn es geht diese wunderschönen Momente festhalten und aufsaugen.Das tut einfach unserer menschlichen Seele gut.Herzlichst der Andreas von Petra J.🏃😊aus Siebleben.

    Gefällt 1 Person

  3. Henning Sabo sagt:

    Schade, dass ich hier kein Foto einfügen kann, sonst hätte ich dir schon mal eine erste Impression aus dem Japanischen Garten in LSZ geschickt. Ich fürchte aber fast, dass die Kirschblüten dieses Jahr bis zum Hanami schon nicht mehr an den Bäumen hängen …
    Gestern ließen einige Böen die ersten von ihnen voller Poesie von den Bäumen trudeln und den stillen Betrachter zärtlich umtanzen …
    http://henningsabo.de/blueten-im-spiel/
    Eine sanfte Erinnerung, wie vergänglich und kostbar die Schönheit und jeder Moment ihres Wahrnehmens ist …
    Herzliche Grüße,
    Henning

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s