Eine Schwäche für Stärke …

Dieser Blog wird ein sehr persönlicher. Ohne selbst das Ende zu kennen, weiß ich das bereits jetzt. Ich kann es fühlen. In den Fingerspitzen, die über die Tastatur fliegen.

Rückblickend auf meine Beiträge kann man den Eindruck gewinnen, ich sei eine sehr toughe Frau. Ich wechsle Räder, grabe stundenlang Beete um, habe die große Klappe.

Jetzt gibt es zwei Sichten auf „tough“. Früher dachte ich immer, „stark“ zu sein bedeute, Dinge klaglos zu ertragen, Gefühle nicht so nah an sich rankommen zu lassen, keine Angst zu haben, immer die Konfrontation zu suchen, sich stets durchsetzen zu können, selbstbewusst zu sein und möglichst immer das größte Stück vom Kuchen abzubekommen.

Nach dieser Definition bin ich nicht tough. Nach dieser Definition bin ich weit davon entfernt. Ich habe über die Jahre meine eigene Auslegung für diese so oft genutzte Begrifflichkeit gefunden:

Stark zu sein heißt, seine Grenzen zu kennen. Oft kann und sollte man bis zu selbigen gehen, manchmal auch darüber. Aber wenn die Kapazitäten erschöpft sind, dann schalte einen Gang herunter.

Stark zu sein heißt, den Mut zu haben, Emotionen bewusst zu empfinden. Wut, Liebe, Schmerz, Angst, Enttäuschung. Meine Emotionen, aber auch die der Menschen, die mir wichtig sind. Sich in dem Wissen, dass auch Mitgefühl anstrengend sein kann, dennoch nicht davor zu verschließen, ist tough.

Stark zu sein heißt, Angst zuzulassen, sie bewusst zu empfinden, sie in Respekt zu verwandeln und sich ihr zu stellen.

Stark zu sein heißt, auch mal nachzugeben, wenn es der Gesamtsituation zuträglich ist. Unabhängig davon, ob ich meinen Willen bekomme oder nicht.

Stark zu sein heißt, seine Schwächen zu kennen und sie anzunehmen, lieben zu lernen.

Stark zu sein heißt, gönnen können.

Und ich glaube fest, dass man nicht stark sein kann, ohne einst richtig schwach gewesen zu sein.

Nach dieser Definition bin ich verdammt tough. Denn es gab unzählige Momente, in denen ich richtig schwach war. Ich habe mich gefühlt, als könnte ich der anstehenden Aufgabe und manchmal auch dem Leben nicht mit der nötigen Härte begegnen. Bis ich irgendwann begriffen habe, dass nicht Härte, sondern Demut der Schlüssel zu Stärke ist.

In den letzten 6 Jahren bin ich mehr als einmal mit dem Thema Sterben, Vergänglichkeit, Abschied, Schmerz, Veränderung und Krankheit konfrontiert worden. Letztere auch bei mir selbst. Nicht bösartig. Aber auch nicht heilbar. Alles keine kleinen, sondern gravierenden Einschnitte in das Leben eines Menschen, die sich zu einem riesigen Haufen … Leben potenzieren.

Sechs Jahre in denen ich gelernt habe, wie wertvoll das Leben ist und wie wertlos Erfolg, der dir persönlich nichts bedeutet. Sechs Jahre in denen ich gelernt habe, dass Mitgefühl und Demut dich weiter bringen als Kälte und Arroganz. Sechs Jahre, in denen ich herausfiltern konnte, was die Fixpunkte in meinem Leben sind:

  • Liebe, Freunde und Familie
  • Talente auszuleben
  • Sport

Letzteres hat mir – besonders im Laufe des letzten Jahres – dabei geholfen, mich selbst zu definieren. Ich habe aufgehört, mich dem hinzugeben, was ich als unabänderlich hingenommen hatte. Ich habe angefangen, mir meinen Körper zurück zu erobern. Vom Schlüsselkind zurück zum Schlossherr.

Ich bin nicht in erste Linie aktiv, um mich einem Ästhetik-Diktat zu unterwerfen, sondern weil es mich auch körperlich stark macht. Weil ich damit Schmerzen kontrollieren kann. Und weil es eben eines der Dinge ist, bei dem ich alles gebe – und am Ende reicher bin als zuvor. Ähnlich kann das nur die Liebe.

Besonders mit B., Freunden oder Menschen mit dem gleichen Ziel einer sportlichen Aktivität nachzugehen, gibt mir unglaublich viel. Zumal dann die Schweinehunde abgelenkt sind, weil sie miteinander spielen. Es lässt sich am besten so zusammenfassen:

Man kennt sich, seine Schwächen, seine Stärken, versteht sich ohne Worte. Oft reicht da ein Blick zur Motivation; ein Blick der sagt: „Los, zieh durch, ich weiß du kannst das!“

Gerade in Zeiten, in denen jeder oft nur noch für sich ist, versunken in sein Handydisplay, abgeschottet durch Kopfhörer, ist gemeinsamer Sport eben auch eins: sozialer Kontakt.

Wenn man sich verabredet, geht man eine Verantwortung und eine Verpflichtung dem anderen gegenüber ein. Es entsteht ein Band, das sagt: zusammen schaffen wir das, ich lass dich nicht hängen und du mich nicht. Gleichzeitig trittst du immer auch gegeneinander an und schaffst so ein Wettkampfsituation. Das spornt IMMER dazu an, mehr aus sich herauszuholen. Gemeinsam tut es weniger weh. Sehnsucht nach Gemeinschaft, Teamgeist, Zusammenhalt und nach sozialer Anerkennung sind ureigene Instinkte, die wir durch die sportlichen Aktivitäten in der Gruppe befriedigen. Nicht umsonst wird Vereinssport mit soviel persönlichem Einsatz und Hingabe betrieben.

Auch körperlich ist dieser Effekt nachweisbar. Wenn wir wahrgenommen, gesehen, gelobt und reflektiert werden, schüttet unser Körper verschiedene Stoffe aus, die unser Motivationssystem aktivieren; darunter der Neurotransmitter Dopamin und das Hormon Oxytozin. Letzteres sorgt dafür, dass wir Vertrauen in andere Menschen bekommen und dämpft das Stressempfinden. Dopamin ist ein Botenstoff, der auch als Glückshormon bezeichnet wird. Gemeinsamer Sport aktiviert also Hirnareale, die Euphorie und Motivation auslösen und körpereigene Wirkungen, wir zum Beispiel Glücksgefühle, verursachen.

Für meine Glücksgefühle sorgt regelmäßig Thess, meine Personal Trainerin. Klingt unfassbar hollywoodmäßig. Ist aber nicht sehr glamourös, sondern tatsächlich harte, schweißtreibende Arbeit – die ich liebe!

Ich gebe sehr viel lieber Geld für dieses Training aus, als für Klimbim oder das aktuelle „Musthave“. Das neueste Handy kann mir nicht das Gefühl ersetzen, zufrieden mit mir selbst zu sein. Meine Sammlung an Sporthosen ist mittlerweile größer als die Anzahl meiner Jeans. Thess kennt mich gut genug, um meine Grenzen zu kennen und hat die perfekte Distanz, um mich auch mal richtig anschreien zu können. Ohne ihr Training wäre ich nicht so glücklich,  wie ich es jetzt bin. Weil ich mich nur auf meinen negativen und nicht auf positiven Schmerz konzentriert hätte.
Natürlich bin ich kein top-durchtrainierter HighEnd-Sportler. Dafür liebe ich gutes Essen und Schokolade zu sehr. Noch mehr, seitdem ich einen Teil davon wieder in Energie umwandle.

Ohne diese vielen harten Trainingsstunden im Leib, hätte ich mich wohl auch nicht beim King of Cross angemeldet. Ein Hindernislauf über 9,5 km mir 400 Höhenmetern. Und kaltem Wasser. Und Schlamm. Im Herbst. Hättest du mir das vor ein paar Jahren erzählt, hätte ich gesagt: das kann ich nicht. Dafür bin ich zu schwach.

Und nun: durchzogen. Als 12. meiner Altersklasse ins Ziel gekommen. Und das Beste: mit Freunden.


Ich sitze mit einer stolzen Erkältung hier und denke lächelnd an all die Momente in denen ich verzweifelt geweint habe. Und bereite mich mit Demut auf alle vor, an denen ich es wieder tun werde.
Vor einigen Tagen fragte mich eine befreundete Kollegin, wie ich es schaffe, dass ich immer ein Leuchten in den Augen habe.

Nun weißt du es.

Ich kenne meine Grenzen. Ich bin emphatisch und sensibel. Ich bin respektvoll. Ich kenne meine Schwächen. Ich kann verlieren. Ich gönne den Menschen ihr Glück. Ich liebe das Leben, obwohl es manchmal so schwer ist. Und ich genieße das Zusammensein mit Menschen die wissen, dass das Herz eine Wärme aussendet, die der Verstand niemals erreichen kann. Ich bin nicht gefeit vor einem „ich kann nicht mehr“, aber ich verweigere die Permanenz dieses Gedankens.

Ich bin zart besaitet. Und deshalb bin ich unglaublich tough.

 

 

 

7 Gedanken zu “Eine Schwäche für Stärke …

  1. Alina und die Unstrut-Lamas sagt:

    Oooch wie gut geschrieben bzw. es liest sich so richtig gut 😉 Das mit der Demut & Dankbarkeit finde ich auch am wichtigsten für mich….Seit ich das habe, bin ich unglaublich „reich“ – damit meine ich nichts Materielles. Sei nach wie vor ganz ganz herzlich zu unseren Lamas eingeladen, kannst ja rüberjoggen…Oder ich komm Dir Lama-Wandernd entgegen 😉

    Gefällt 1 Person

  2. FriSi sagt:

    Das ist so goldig ❤ deine Texte machen mir oft so viel Lust mich mal endlich in den Griff zu kriegen und aus meinen Talenten was zu machen! Ich hab so viel mehr drauf, als ich mache…
    Ich beneide dich, deine Lust zu machen, zu leben und deine Stärke deine Schwächen zu zugeben. Die ersten Schritte sind immer die schwierigsten… ich hoffe ich kann dir bald über meine Erfolge, die durch dich inspiriert worden sind, berichten 😉

    Bist eine sehr sympathische, zarte Frau. Am liebsten würde ich dich jetzt drücken 🙂
    Wünsche dir viel Glück auf deinem Weg…

    Gefällt mir

    1. stattstadtmaedchen sagt:

      Das war jetzt Balsam für die Seele! Vielen vielen Dank!
      Ich war selbst lange „gelähmt“, weil ich nicht wusste in welche Richtung ich gehen sollte. Ich hatte das Gefühl, ich kann von allem ein bißchen, aber nichts richtig gut. Irgendwann hab ich einfach aufgehört darüber nachzudenken, welche Wirkung ich mit dem erziele, was ich mache. Ich habe einfach das gemacht, was mir Freude bereitet hat.
      Es ist wirklich nicht wichtig, in allem mega erfolgreich zu sein – glücklich solltest du dabei sein.

      Ich habe letztens einen Spruch gelesen: „“I want to inspire people. I want someone to look at me and say: „Because of you, I didn’t give up“.“
      Das hat mich berührt und ich dachte: wenn dir das mal passiert, dann hast du etwas richtig gemacht.

      Ich freu mich, von dir zu lesen!

      Gefällt 2 Personen

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