Federleichte Schwere

Ach komm. Gleich zum Anfang – noch in der Überschrift – ein Oxymoron. Was sollen wir uns darunter wieder vorstellen? Kontraste!

Ich weiß nicht, ob es am „Landleben“ liegt oder daran, dass ich einfach älter werde. Aber so nach und nach stelle ich fest, wie konträr meine Interessen sind und wie ich mich nach und nach dennoch vollständiger fühle. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich mich weder wie Fisch, noch Fleisch gefühlt habe. Ich dachte immer, ich müsse genau wissen, was ich will und dann auch alles danach ausrichten. Oft habe ich mich dann hin- und her gerissen gefühlt, weil das, was ich wollte, eben manchmal so unterschiedlich war. Heute weiß ich zwei Dinge:

  1. Du musst nicht WISSEN, was du willst. Du musst es fühlen.
  2. Es ist normal, dass du dich für konträre Dinge interessierst. Du bist ein komplexes Wesen. Stell dir vor, ein Buch würde nur aus Verben bestehen …

So empfinde ich es heute als sehr spannend, mit welchen Interessen ich mich selbst immer wieder überrasche.
Aktuell reißen wir auf B.s Grundstück eine alte Scheune ab. Der Haupt-Kraftakt liegt dabei natürlich in männlicher Hand. Oder besser mehreren Händen. Freunde, die B. teilweise bereits seit Kindertagen kennt, opfern unermüdlich fast jeden Samstag, um gemeinsam Steine zu stapeln, Dächer abzudecken, Ebenen ab zu tragen, Balken einzureißen … Natürlich mit großem Spielzeug (Manitu, Radlader, Kettensägen und Konsorten). Zum einen beeindruckt mich der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft immer wieder – ich kann mich dem Gefühl nicht entziehen, dass das in der Stadt weniger ausgeprägt ist. Zum anderen habe ich immer wieder neugierig-neidisch auf die Maschinen geschielt, während ich kochender- und backenderweise für die Verpflegung unseres persönlichen Bautrupps gesorgt habe. Eine so stringente Rollenverteilung macht mich immer etwas, sagen wir, nervös. Ich bin eher so der: „Ich mach das selber, ich kann das“-Typ. Reifen wechseln, Löcher bohren, Möbel schleppen – lass mich, ich mach das selber, ich kann das. Und nun finde ich mich immer häufiger in der Rolle des typischen „Weibchens“. Das fällt mir wirklich schwer. Es fühlt sich manchmal an, wie ein sanfter Elektroschock . Noch aushaltbar, nicht tödlich, aber unangenehm. Alles in mir sträubt sich. Weil ich eben nicht NUR das bin.

Also werde ich nicht müde, wie eine kleine Landziege zu meckern und immer wieder zu betonen, dass ich gerne mitspielen möchte. Irgendwann wird auch B. mürbe (Prinzip „Du hast Recht, ich meine Ruhe“). Ich bekam so nach und nach Unterricht im Manitu fahren, in der Radladerbedienung und zuletzt – Trommelwirbel – der martialischen Zerkleinerung riesiger Holzbalken mit einer Kettensäge. Ich war begeistert. Im Grunde hat so eine Säge unglaublich viel weibliches. Sie kann sehr laut werden, mitunter nervt sie und trägt Schmuck. In dem Fall: eine silbrig glänzende Kette. Hach, wie schick.

Hier mal ein kleiner Einblick:

Was ich daraus gelernt habe? Ich kann nachvollziehen, warum vor allem Männer sich für Handwerksberufe entscheiden. ABER: ich habe jetzt auch noch größeren Respekt vor B. und seinen Jungs. Denn ich habe deutlich gemerkt, wo ich als Frau an meine Grenzen komme. Und das ist ok. Ich habe eine guten Bizeps – aber ich freu mich, wenn eurer größer ist ;). Ich denke, dass genau das unter anderem das Knistern zwischen den Geschlechtern ausmacht.

Überrascht bin ich dennoch auch immer wieder, dass ich mich an vermeintlich „männliche“ Tätigkeiten angstfrei rantraue. Bei Dingen, die mir naturgemäß eigentlich liegen, habe ich stattdessen erst einmal Respekt.
Beispiel: Ein Freund und Kollege bat mich, in einem seiner Musikvideos zu tanzen. Mit einer Freundin covert er im Rahmen des Musikprojekts Chameleon Walk  hauptsächlich Klassiker der 70er & 80er Jahre, aber auch aktuellere Titel in minimalistischer Spielweise. Saxophon, Gitarre, Gesang – that´s it.

Das Projekt finde ich toll und ich liebe es, zu tanzen. Und dennoch war mein erster Impuls: NEIN, das kann ich nicht. Ich kenne ganz viele begnadete Tänzer, die können das besser. Ich kann gern vermitteln, aber ICH?
Nein, das kann ich nicht.
Und dann habe ich mich gefragt: warum nicht? Warum probier ich all´ die Dinge aus, die eigentlich „untypisch“ für mich sind und das, was ich so liebe, traue ich mir nicht zu. Vielleicht gerade deshalb: weil es mich berührt. Weil ich eine Erwartung an mich selbst habe, die  ich oft nicht zu erfüllen im Stande bin. Weil ich denke: das ist nicht gut genug.
Dabei ist das Quatsch. Es geht nicht darum, die Beste zu sein. Es geht darum, das Beste zu GEBEN. All dein Herz, all deine Seele. Wenn du das machst, bist du mit niemandem jemals vergleichbar.

Ich hab mir also – nicht zuletzt des Liedes wegen – einen Ruck gegeben und bin im Nachhinein unglaublich dankbar und ja, auch stolz! Es hat Spaß gemacht, ich habe mich selbst überrascht und werde das immer in Erinnerung behalten.
Aber macht euch selbst ein Bild:

Das Lied, was gecovert wurde, war passenderweise „Creep“ von Radiohead. Eines meiner Alltime-Favorites, weil ich mich darin in manchen Situationen wiedererkenne:

Ich wünschte ich wäre etwas Besonderes, du bist so verdammt besonders. 
Aber ich bin ein Spinner, ich bin ein Sonderling.
Was zur Hölle mache ich hier? Ich gehöre nicht hierher.
Es interessiert mich nicht ob es weh tut, ich möchte die Kontrolle haben.
Ich möchte einen perfekten Körper, ich möchte eine perfekte Seele.

Ich glaube, dass es jedem von uns manchmal so geht. Aber Fakt ist doch: NIEMAND ist perfekt, aber JEDER ist etwas besonderes. Zumindest dann, wenn du den Mut hast, du selbst zu sein. Loszulassen von Erwartungen – deinen eigenen und anderen.

Dazu habe ich auch praktischerweise ein passendes Bild. Wie das Stattstadtmädchen so handhaben, hab ich mir letztens ein Freundschaftsspiel meiner Fußballmannschaft SV Fortuna Ballhausen angeschaut. Ich bin mit meiner Vespa zum Spiel gefahren, habe sie gewinnen sehen und wollte im Anschluss die Heimfahrt antreten. Auf dem Schotter bin ich weggerutscht und habe impulsartig DEN Fehler schlechthin gemacht: ich habe mich festgehalten. Am Griff – also: am Gas. Die Folge war ein spektakulärer Stunt, ein zerschundenes Knie, ein geprellter Knöchel und eine zerkratzte Vespa. Es hätte durchaus schlimmer kommen, aber eben auch viel glimpflicher verlaufen können.

Wenn ich einfach losgelassen hätte.

Also: let´s go, let it go.

Bis bald! Euer Stattstadtmädchen

8 Gedanken zu “Federleichte Schwere

  1. martin reuter sagt:

    Sehr schöner Beitrag und tolle Tanzeinlage. Am kritischsten ist man bei Dem, was man gut kann. Erlebe ich jede Woche beim Bogenschießen. Man schaut, viel zu oft, nach oben, zu den „Besseren“ anstatt einfach mal mit der eigenen Leistung zufrieden zu sein.

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