Unkraut 2.0

Falls mich jemand vermisst hat: ich mich auch. Aber ich habe eine gute Entschuldigung. Mein Beet war im Dornröschenschlaf. Zugewachsen wie einst das Schloss, in dem die verwunschene Prinzessin ruhte. Jetzt hat das bei mir nicht so gut funktioniert wie im Märchen; wir erinnern uns: „…Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter grosse schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und liessen ihn unbeschädigt hindurch…“.
Und dann Geküsse, alles wach, alles fein.

Scheißchen!!

Ich bin eben nicht von königlichem Geblüt. Ich bin eben die Räubertochter. Also musste ich mich wochenlang wagemutig durch die Massen (!) an Unkraut hacken, um auch nur annähernd den Anblick meines Belds wieder herzustellen. Und bevor es jetzt Sprüche á la „Warum hast du nicht im Herbst …“ und „Hättest du mal…“ kommen: ICH WEISS!
Aber erstens: ich bin immer noch Städter im Ursprung.
Und zweitens: Manchmal rauben uns Ereignisse den Blick fürs große Ganze und naja, long Story short: Unkraut. Viel Unkraut.
(Wusstet ihr übrigens, das Unkraut auf Englisch weed heißt?! Interessant, interessant.)

Damit ihr einen Eindruck bekommt, hier mal ein Selfie vom „Weed“.


Wir hatten ja im Beitrag „Geduld“ schon mal ein Synonym gefunden: „Spontanvegetation“. Schön finde ich auch „Beigrün“ oder „Wildpflanze“. Letzteres trifft aus meiner Sicht am ehesten den Kern. Denn, auch wenn es vielleicht zunächst UNgewollt ist, weil es nicht in den geplanten Rahmen passt, ist es doch kein „UN…“.
Die UNs dieser Welt rutschen uns manchmal zu schnell von den Lippen und dienen doch eigentlich oft nur dazu, in Schubladen zu kategorisieren. Ein UNwetter ist doch trotzdem Wetter? Und ist noch dazu manchmal wildromantisch.

Und nicht alle UNs sind schlecht … UNbekümmert, UNterwäsche, UNvoreingenommen …

Im Umkehrschluss heißt das vielleicht, dass auch alles UNmögliche irgendwie möglich ist. Oder wie verdrehte Audrey so schön die Worte?

Nothing is impossible. The word itself says: I´m possible.

Natürlich gibt es auch berechtigte UNs, das will ich dem gar nicht absprechen. Was ich sagen will ist: nicht in Schubladen denken. So kann das „UNkraut“, was so fleißig im Beld wächst, durchaus nützlich sein. Vogelmiere zum Beispiel: kein Unkraut, sondern eine Kosmopolitin, ein Wildgemüse mit kleinen Sternblüten. Nicht nur essbar, sondern durch ihre Inhaltsstoffe auch mit enormer Heilwirkung ausgestattet. Hautprobleme, Husten oder Gelenkentzündungen – lässt sich alles mit der Vogelmiere in den Griff bekommen. Im Grunde wächst da also eine Apotheke in meinem Beld.  Gilt auch für Brennnessel oder Löwenzahn. Soll heißen: wenn es sich so intensiv ausbreitet, hat es vielleicht einen Grund und eine Daseinsberechtigung. Der Philosoph Ralph Waldo Emerson soll einst gesagt haben: „Unkraut ist eine Pflanze, deren Tugenden noch nicht entdeckt wurden.“

Wenn du bis hierhin durchgehalten hast, obwohl du vielleicht gedacht hast: „Ok, … jetzt ist es soweit. Sie ist DURCH-GE-DREHT und macht jetzt einen auf Kräuterhexe!“, lass mich dir eines meiner Fazits schenken:
Ist es mit Menschen in unserem Leben nicht genauso?
Was andere für – hart gesagt – Unkraut halten, weil sie nicht die Muße haben, sich mit demjenigen auseinanderzusetzen, kann für das eigene Leben eine absolute Bereicherung sein. Man muss eben nur den Mut und die Geduld haben, hinter die Maske zu blicken. Die ist nämlich nicht immer nur „Fake“, sondern oft einfach nur „Schutz“. Und falls du selbst schon mal das Gefühl hattest, Unkraut zu sein: Bist du nicht. Du bist eine Wildpflanze. Durchsetzungsfähig, robust und für das Leben von großem Nutzen.

Heißt aber auch: achte auf den Umgang mit den Menschen in deiner Umgebung. Es ist ok, Freundschaften zu pflegen, weil sie „schön aussehen“, aber pass dabei auf, dass du nicht die aus deinem Leben reißt, die dir gut tun.

Das lässt sich im Übrigen auf sehr viele Bereiche des Lebens umbrechen:

Einmal im Aufräumfieber, habe ich mich dann auch an mein E-Mail-Postfach gemacht.
Jeden Tag UNzählige (natürlich kann ich sie zählen!) Mails, die mir suggerieren wollen, dass sie eine Bereicherung für mein Leben beinhalten. Als da wären: „Rabatt auf alle Kai Messer“ (Was ist das??), „Gratisgeschenk mit Ihrer Bestellung (Pillen Organizer)!“ (Ich bin 34!!) oder auch „Plus que quelques heures pour profiter de 20% de réduction supplémentaires!“ (WHAT???).

Ich habe mich in einem Schwung von 18 Newslettern abgemeldet, die täglich in mein Postfach trudelten und mir einfach nichts brachten. Jemand anderem vielleicht schon, mir aber eben nicht. Ich ziehe das jetzt täglich mit jedem weiteren Newsletter durch, der mich nicht tangiert. Man muss hierfür immer GANZ nach unten scrollen und dort wartet meist ein Button zum Abmelden. Ergo: Wenn du ganz unten bist, hast du oft Möglichkeiten, dich neu zu definieren.

Auch hier gilt: was dir nützt oder dein Leben bereichert: behalt. Interessanterweise steigt so auch der Wert eben dieser Dinge, wenn man sie ohne all das Überflüssige drum herum wahrnimmt.

Hier noch ein Bild nach dem „Aufräumen“. Erdbeeren, Knoblauch, Kartoffeln und Zucchini haben Platz zum Atmen und quittieren das mit raschem Wachstum. Die Tomaten sind wiedermal kleine Diven, aber  das überrascht nicht weiter. Italienisches Temperament vermutlich.

Jetzt können wieder die Ameisen und Kartoffelkäfer kommen. Aber in diesem Jahr bin ich vielleicht nachsichtiger <3.

Bitte tut euch gut! Und blickt mal hinter die Fassaden … Dort warten manchmal echte Geschenke.

Euer Stattstadtmädchen

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Unkraut 2.0

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