ungewohntes Terrain

Heute wage ich mich mal auf ungewohntes Terrain und versuche mich in einer etwas ungewöhnlichen Kulturkritik. Das fällt zwar aus der Reihe, aber das mach ich ja auch. Würde ich nicht immer mal was neues probieren, ich wäre vielleicht nie in der Stattstadt gelandet. Bei B. 🙂

Viel Spaß …


 

Marie fühlt eine freudige Anspannung. Es ist 19:03 Uhr und sie betritt das Theater, um sich das erste Mal eine Oper anzusehen. Orpheus und Eurydike. Man riet ihr, sie solle ein Abendkleid tragen, das geziemt sich auf Premieren. Sie hat sich für eine Hose entschieden und einen marsalafarbenen Poncho. Das ist modern. Sie interessiert nicht, was sich geziemt. Marie findet, Oper sollte moderner werden.

Tom fühlt eine freudige Anspannung. Es ist 19:03 Uhr und er sitzt in der Maske und wird für seine erste Oper geschminkt. Orpheus und Eurydike. Er trägt zum ersten Mal Leggings, das ist ja nicht so seins. Aber die Entscheidung liegt nicht bei ihm, es muss ins Gesamtbild passen. Wenigstens ist sie schwarz und nicht marsalafarben. Das soll zwar jetzt modern sein, interessiert ihn aber nicht.

Marie beobachtet das Publikum. Soviel junge Leute hätte sie gar nicht erwartet. Sogar einige Kinder sind darunter und Marie liegt mit ihren 34 Jahren im guten Durchschnitt. Zudem ist es voll: jeder Platz ist besetzt, in den hinteren Reihen stehen sogar Leute. Vielleicht liegt es am Programm: es soll sehr tanzlastig werden – untypisch für eine Oper.
Alle hatten sich auf ihre Art zu Recht gemacht. Natürlich waren da Frauen in wunderschönen Roben und Männer in Smoking und Fliege. Aber auch Jeans und Hemd waren vertreten. So unmodern scheint Oper gar nicht zu sein, dachte Marie bei sich. Die ältere Dame neben ihr trug auch einen Poncho, cremefarben. Sie lächelten sich an.

Tom wünschte, er könnte einen Blick ins Publikum werfen. Ob wohl nur ältere Zuschauer da sind? Das erste Mal wird am Theater Erfurt Oper so massiv mit Tanz kombiniert – ein Wagnis. Es wäre schön, wenn man so auch junge Leute für die Oper begeistern könnte. Jung … ein so dehnbarer Begriff. Mit seinen 33 Jahren gehört er zu den ältesten im Tanzensemble. Und er kam nicht aus dem klassischen Metier, sondern aus dem urbanen: Breakdance – völlig untypisch für eine Oper.
Dennoch kamen alle gut miteinander zurecht – Chor, Solisten, Profitänzer – jeder hatte seine eigene Art und trotzdem passte es. Der Breaker und die Balletttänzerin. Sie lächelten sich an.

Wenige Minuten noch bis zum Beginn. Marie fühlte sich wie in einem Bienenstock, das Orchester füllt den Saal akustisch mit dem Summen der Instrumente und die Menschen schwärmen an ihren Platz – jeder wo er hingehörte. Marie fühlte sich wohl und irgendwie kultiviert in ihrem gemütlichen Theatersessel.

Wenige Minuten noch bis zum Beginn. Tom hörte leise das Orchester und ein gedämpftes Gemurmel. Der Theatervorhang ist überraschend dick und schluckt viel von draußen. Vermutlich ist das auch andersrum so und das Publikum bekam nicht mit, dass alle bereits auf der Bühne waren – jeder an seinem angestammten Platz. Tom fühlte eine leichte Nervosität und wünschte sich einen kleinen Moment in einen der gemütlichen Theatersessel.

Der Saal wird dunkel, das Orchester – angeleitet von einer Dirigentin – beginnt zu spielen und die Melodien schlucken das letzte Licht. Die erste Tänzerin – sie verkörpert Amor – schlüpft auf die Bühne und huscht, einem Kolibri gleich, über die Bretter, die die Welt bedeuten. Maries Herz beginnt zu klopfen. Wie sehr sie das Tanzen liebte. Leider war sie nicht so talentiert wie Kolibriamor, aber das minderte ihre Liebe zum Tanz nicht. Der Vorhang geht auf, weiße Tücher schmücken das sonst nackte Bühnenbild und das Stück nimm seinen Lauf. Marie ist gefesselt.

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Foto: Anja Feßer, Hellbunt Fotografie

Das Orchester setzt ein. Tom sieht die Kapellmeisterin gedanklich vor sich, ihre Augen leuchten sicher so wie seine. Nun muss Amor bereits auf der Bühne sein. Er wüsste zu gern, was sie da macht, in den Proben hat er es nie sehen können, weil er sich für seinen eigenen Part bereithalten musste. Sein Herz beginnt zu klopfen. Wie sehr er das Tanzen liebte. Er konnte kaum fassen, wie weit ihn sein stetes Training gebracht hatte – er, Hobbytänzer, mit all diesen Profis auf dieser Wahnsinnsbühne. Auch viel Schmerz hat er ertragen müssen, aber das minderte seine Liebe zum Tanz nicht. Der Vorhang geht auf, nun gibt es kein Zurück mehr und Tom hofft, dass er das Publikum fesseln kann.

Tiefe Liebe, kalter Tod, bitterliche Tränen. Soviel Gefühl. Marie spürt jedes einzelne. Ins Ohr getragen von den Solisten, visualisiert von leidenschaftlichen Tänzern, ins Herz geschossen von der Einheit, die alle miteinander bilden. Jeder Sinn wird angesprochen, entziehen kann man sich dem nicht. Die Tragik hängt wie eine Glocke über dem Saal und erfasst die Besucher. Marie sitzt da, mit geneigtem Kopf. Wahnsinn, nicht einen Fehler hat sie gesehen. Soviel Perfektion. Marie genießt ihre Gänsehaut.

Tiefes Plié, Tom ist gut aufgewärmt. Er konzentriert sich auf die einzelnen Elemente, versucht all sein Gefühl hineinzugeben. Die Tänzer visualisieren die Gesangspassagen. Hoffentlich bringen sie diese Verschmelzung verständlich rüber. Hoffentlich erreichen sie die Zuschauer. Hoffentlich hat niemand den kleinen Patzer gerade bemerkt. Was soll´s, niemand ist perfekt. Und wenn auch nur ein Zuschauer Gänsehaut bekäme – es hätte sich schon gelohnt.

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Foto: Anja Feßer, Hellbunt Fotografie

Orpheus stirbt. Die dunklen Schatten legen sich über ihn. Marie sieht zu, wie sich der Vorhang schließt und sekundenlang herrscht Stille. Aber manchmal ist Stille die schönste Musik. Vor allem, wenn sie in einen tosenden Applaus übergeht. Minutenlang feiert das Publikum das gerade gesehene Werk und seine Protagonisten.

Darunter auch Tom. Marie sieht, wie die Anspannung in seinem Gesicht einem Lächeln weicht und hofft, dass dieser Applaus nun all die Anstrengung und alle die Schmerzen sterben lässt. Dass sich dieser Künstlerlohn wie ein warmer Regen über sein Gemüt ergießt und er das Gefühl ewig speichert. Marie ist stolz auf Tom. Und sie findet, Oper ist doch ganz schön modern.


 

Wer sich wie Marie fühlen möchte: Die Oper „Orpheus und Eurydike“ wird noch 4x aufgeführt: So, 13.03. | Fr, 18.03. | Fr, 25.03. | Mi, 06.04.2016

Es ist das erste Mal, dass das kulturpreisprämierte „Tanztheater Erfurt“ in dieser Form mit dem Theater Erfurt zusammenarbeitet und damit einer außergewöhnlichen Mixtur Raum gibt: klassische Oper, zeitgenössischer Tanz und urbaner Breakdance von den Nasty Stylistix. Absolut sehenswert. Auch ohne Abendkleid.

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