Urban Whistleblower

Ich habe übrigens auch ein Beet. Oder besser ein Feld. Also, irgendwas dazwischen. Ein Beld oder Feet demnach.

Ich dachte, jetzt wo ich ein Stattstadtmädchen bin, gehört sich das so. Selbstversorger und so …

Ursprünglich war gedacht, eine niedliche Gartengröße anzulegen, die ich auch händeln kann. Eine Art „Alibibeet“. Mein erster Versuch, den seit Jahren an meiner Wunschstelle wachsenden Rasen selbst umzuackern scheiterte nach ca. einer Grabgröße. (Ich schwöre, ich habe die Graswurzeln hä(l)misch lachen gehört!). Ich habe dann frustriert meine Ernteträume genommen und sie in eben diesem Grab zur Ruhe gelegt. Für ca. 4 Wochen. But they always come back.

Dann hatten B. und ich eine Eingebung – unser Nachbar ist Landwirt. Mit Landmaschinen. Der hat Geräte, da fährt er einfach über den Rasen und ZACK ist da nur noch Erde. Also fast.
So haben wir innerhalb von 30 Minuten das Leben der Grashalme auf den Kopf gestellt. HA! Wer ist jetzt hier der Master of Degraster?! Danke Nachbar!

In der Euphorie sind dabei folgende Maße rausgekommen: 800 x 800 cm. Also 8 x 8 m. Das sind 64 m²!! Das ist größer als meine damalige Wohnung in der Stadt!20150509_191143_resizedRuntergebrochen auf meinen früheren Grundriss ist somit mein Wohnzimmer nun voller Kartoffeln, Spinat und Kürbisse. In meiner Küche steht ein Tomaten-Gewächshaus, das von Selleriepflanzen beschützt wird. Der Flur beherbergt Porree und Möhren, die Zwiebeln machen es sich im Abstellraum gemütlich. Dort wo ich früher Duschgel mit Erdbeerduft benutzt habe, sind jetzt richtige Erdbeerpflanzen und in meinem Schlafzimmer tummeln sich blaue Schweden, Cheyennes und Caras. Das ist alles so viel aufregender als früher in der Stadt. (Zur Aufregung kommen wir auch gleich nochmal! Ich bin schon ganz aufgeregt!)
Nur das mit dem Unkraut war damals einfacher. Auf die 1 – 2 Löwenzahn, die in den Laminatritzen gewachsen sind, habe ich einfach Möbel gestellt. Nicht, dass noch Peter Lustig an der Tür klopft.
Das hat super funktioniert. Klappt in meinem Beld jetzt nicht mehr so. Dafür lege ich regelmäßig Fitnesseinheiten mit Hacke und Rechen ein.

An dieser Stelle begebe ich mich nun auf ganz ganz dünnes Eis! (Jetzt kommt der Teil mit der Aufregung.)

Ich glaube nämlich, einem Skandal auf die Spur gekommen zu sein.

Folgendes: unzählige Anbieter übertreffen sich gegenseitig mit den tollsten Erlebnissen, die das Adrenalin in uns freisetzen sollen. Überwältigende Events, spektakuläre Momente, höher, schneller, und so weiter. Ich war selbst einmal „Opfer“ dieser Unterhaltungsmafia und bin von einem Staudamm 220 m in den sicheren Adrenalinschub gesprungen. Ich gebe zu, das war der Hammer! Aber was einem wirklich die Haare in die Gänsehautstellung schießen lässt, hat im Vergleich zu den verkauften Superevents einen marginalen Preis!

Achtung, festhalten: Möhrensamen!!

Try this: noch nie Gemüse angebaut und dann in einem Beet, was vorher Rasen war, Möhren gesät. Du hast keine Ahnung wie die Minimöhrenpflanzen aussehen und musst nun zwischen Unkraut und Nutzpflanze unterscheiden. Es liegt einzig an dir, die richtige Wahl zu treffen. Die Möhren verlassen sich auf dich und doch ist die Gefahr so groß, dass du ihr kurzes Leben mit einem falschen Handgriff einfach beendest.
Wahnsinn. Wenn ich nur dran denke, läuft es mir noch eiskalt den Rücken runter. Adrenalin pur!

Ergo: Vergesst Erlebnisverkäufer á la Jürgen Österreicher (Name von der Redaktion geändert). Alles reine Geldmacherei! Kauft euch Möhrensamen. Oder Kohlrabi. Oder was immer ihr wollt. Erlebt einen leidenschaftlichen Rausch an Endorphinen, ihr müsst dafür keine großen Sprünge machen.

Jetzt ist es raus. Ein Hoch auf die investigative Enthüllungslandwirtschaft!

Vermutlich lebe ich nun ähnlich gefährlich wie Edward Snowden. Aber ich wehre mich mit meinen eigenen Waffen.

Ich habe Möhren!

Also … vielleicht.PicsArt_1432633698647

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2 Gedanken zu “Urban Whistleblower

  1. Sani sagt:

    Ach das liebliche Landleben. Bei offenen Fenster schlafen und die Kühe furzen hören. Der darauf folgende Geruch versetzt einen sofort in Frühlingsgefühle … Man möchte seine Beete düngen und die „Adrenalin-Samen“ reinstecken. (Ich verbitte mir jede Doppeldeutigkeit!)
    Doch vorallem der klare Sternenhimmel ist ein wahre Bereicherung. Man kann Bilder erkennen und fragt sich viel öfter: Sind wir allein da draußen? Warum sind wir hier? Was macht uns glücklich?
    Die Nachbarn haben ganz sicher die Gartengeräte, die man nicht hat und stellen auch mal neue Pflanzen oder die Muffins vom Sonntag vor die Tür. Man kennt nur noch die frischen Hühnereier vom
    Bauern und weiß, dieses Huhn ist glücklich, legt jeden Tag ein Ei und „Sonntags auch mal zwei.“
    Ein Hoch auf das „Stattstadtmädchen“ – Gartenarbeit und der Kampf dem Unkraut ist hart und schwer – doch wer im Sommer das Gemüse genießen kann, welches er selbst gesäht hat, ist wirklich stolz und zufrieden! Bravo Bravo Bravo Frau B.

    Gefällt 1 Person

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